Von Hanno Kühnert

Strafprozesse, zumal spektakuläre, haben die Menschen schon immer fasziniert. Die Geschichte liefert hier so viel Stoff, daß es auch eine Menge Bücher darüber gibt. Das bekannteste ist der weniger politische, eher extravagante "Pitaval", inzwischen auf mehrere Bände angewachsen. "Berühmte Strafprozesse" – diesen Titel gibt es gleich mehrfach in Taschenbuchausgaben, die übersetzte Fall-Nacherzählungen aus Großbritannien und den Vereinigten Staaten bieten. 1981 erschien ein aufschlußreiches Buch des als Kriegsverbrecher in Nürnberg verurteilten Diplomaten Lutz Graf Schwerin von Krosigk, der aus der Sicht des im politischen Prozeß Verurteilten über die "Großen Schauprozesse" schrieb.

Jetzt legen vierzehn Historiker ein weiteres Buch vor, das aus einer Berliner Ringvorlesung 1989 hervorgegangen ist. Es stellt der interdisziplinären Neugier von Historikern kein gutes Zeugnis aus: Die juristische Literatur, bei Prozessen nicht ganz unwichtig, wird häufig vernachlässigt, der Prozeßstoff oft nicht analytisch durchdrungen und nicht im (historischen) Nacheinander dargestellt, das jeweilige strafprozessuale Gerippe, zum Verständnis notwendig, ist offenbar manchen Historikern selbst fremd.

Das Buch bringt vierzehn Ereignisse der Weltgeschichte nahe: Sokrates vor dem Volksgericht in Athen 399 v.Chr., die Verschwörung des Catilina 63/62 v.Chr., den Prozeß Jesu um 30 n.Chr., die Absetzung Heinrichs des Löwen durch Kaiser Friedrich Barbarossa 1180, den Prozeß gegen die Templer 1307-12, den Ketzerprozeß gegen Johannes Hus 1415, die beiden Prozesse, Verdammung und Rehabilitierung, der Johanna von Orleans 1431-56, das Stockholmer Blutbad 1520, den Prozeß gegen Galilei 1633, den Prozeß gegen den englischen König Karl I. 1649, den Prozeß gegen Ludwig XVI. von Frankreich 1792/93, den Reichstagsbrandprozeß 1933, Stalins Schauprozesse 1936-38 und schließlich den ersten großen Nürnberger Kriegsverbrecherprozeß 1945/46. Ein Beitrag des Herausgebers verklammert sie locker unter dem farblosen Titel "Macht und Recht als historisches Problem".

Einige der Prozeßdarstellungen sind besonders informativ: Der Fall Sokrates (Alexander Demandt) ist sauber beschrieben und so vorzüglich in seine Zeit und deren Rechtsvorstellungen eingebettet, daß man wohl auch das Todesurteil nicht mehr unbedingt als ungerechtes politisches Urteil empfindet und den Fall insgesamt abgewogener sieht. Die Provokationen Heinrichs des Löwen gegenüber Friedrich Barbarossa und der folgende Prozeß lassen ebenfalls einen geordneten und interessierten Blick ins Hochmittelalter zu, auch wenn das Deutsch des Autors Karl Heinemeyer nach trockenem Papier klingt. Sven Ekdahl gibt vom Stockholmer Blutbad und der größten Farce eines Prozesses danach eine ungemein eindringliche und schlüssige Schilderung: Der dänische König Christian II. erscheint in unglaublicher Brutalität.

Der Ketzerprozeß gegen Magister Hus, beschrieben von Frantisek Graus, tut die Zeit des Konstanzer Konzils und ihre Beschränktheit auf – und die Macht der Kirche. Diese steht auch in dem Beitrag von Hans-Werner-Schütt über Galilei fest auf Petri Fels. Das Faszinierende ist, daß man nach der Lektüre nicht Galilei, sondern die Kirche besser versteht. Vorbildlich hat auch Ilja Mieck den Prozeß gegen Louis XVI. dargestellt, die Beschränktheit dieses Monarchen, den politischen Willen gegen ihn und für seinen Tod. Etwas mehr hätte Mieck vielleicht zu seiner überraschenden Äußerung sagen müssen, der berühmte eiserne Safe in den Tuilerien sei vom Innenminister Roland selbst getürkt, die den König belastenden Dokumente hineinpraktiziert worden. In der Literatur zur Französischen Revolution, die vor zwei Jahren so blühte, ist davon nichts zu lesen gewesen.

Auch die eindrucksvolle Darstellung des Reichstagsbrandprozesses durch Eckhard Jesse und seine bittere Polemik gegen die Fakten-Vernachlässiger gehören zur Glanzseite des Buches. Der noch nicht voll aufgearbeitete Prozeß ist gut gegliedert und schlüssig dargestellt. Das gilt auch für Stalins Schauprozesse, die Klaus Meyer vorstellt; die Kürze des Beitrags steigert das Entsetzen des Lesers über diesen grausamen Mißbrauch rechtlicher Formen in so massenhafter Zahl. Schließlich überzeugt auch die Schilderung des Nürnberger Kriegsverbrecherprozesses durch Alfred-Maurice de Zayas: Die rechtlichen Probleme und die völkerrechtlichen Aspekte sind vortrefflich eingearbeitet, und der Betrachter von 1991 hat das Gefühl, daß auch den in Nürnberg Verurteilten Fairneß entgegengebracht wird. Jedenfalls kommen sowohl deren Schuld und die Gerechtigkeit der Verurteilungen heraus als auch die Inkonsequenz der Sieger und der politisch-unrechtliche Charakter ihres Gerichts.