Drei Tage mit Otto Rehhagel, der seit einem Jahrzehnt bei Werder den Ball kontrolliert

Von Hanns-Bruno Kammertöns

Nur einmal war es so wie früher. Einen Moment lang hatte es wirklich so ausgesehen, als könnte Otto Rehhagel die Beherrschung verlieren. Es passierte auf dem Weg von der Kabine zum Training, das auf einem Nebenplatz anberaumt war. Weil es am einfachsten war, nahmen wir den Weg quer durch das Weser-Stadion, Otto Rehhagel ging mit kurzen, schnellen Schritten voraus, es war nicht leicht, ihm zu folgen.

Plötzlich, wohl in Höhe des Mittelkreises, blieb er stehen, seine Hände zeigten nach unten, und mit einemmal brach es aus ihm heraus: „Da, sehen Sie sich diesen Rasen an, eine Katastrophe!“ Mit dem rechten Fuß strich Otto Rehhagel durch die kleinen Rinnen, die sich zwischen den Grasbüscheln gebildet hatten. „Spüren Sie es auch? Hier springen die Bälle, wie sie wollen.“ Als wollte er der Tragweite dieses Befundes auch selbst noch einmal ganz inne werden, schloß Otto Rehhagel ein wenig die Augen. Dann war er wieder ganz ruhig.

„Städtische Gärtner“, sagte er schon wieder im Laufschritt, „lassen sich hier viel zu selten blicken.“ Wir passierten die Eckfahne, und Otto Rehhagel kam auf die Marktwirtschaft zu sprechen: „Warum nicht einen Unternehmer beauftragen, ihm sagen, hier hast du gutes Geld, mach den Rasen gut?“

Eine Antwort wartete Otto Rehhagel nicht ab. Er konnte es auch nicht. Wir erreichten den Trainingsplatz, wo sich seine Spieler – „die Jungs“ – unter den kritischen Augen einiger Beobachter im Rentenalter bereits warm liefen. Abgesehen davon war ein Fernsehteam von RTLplus („Wir haben wenig Zeit“) zur Stelle, das nun vorrückte und auf „ein paar Sätze vom Trainer“ drängte. Zwar fand Otto Rehhagel die Gelegenheit nicht gerade günstig und teilte dies auch rauhbeinig mit, doch nach ein paar aufmunternden Worten zur Mannschaft und zu seinem Assistenten kam er noch einmal zurück. Wie es seine Art ist, verschränkte er die Arme hinter dem Rücken, er stand sehr aufrecht, sein Gesicht war sehr ernst. Dann lief die Kamera, Rehhagel sprach, und ringsum verstummten alle Gespräche.

„Ein paar Sätze vom Trainer“ – Kritiker behaupten gerne, seit den Jahren Herbergers („Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“) hätten diese Botschaften viel von ihrem elektrisierenden Reiz verloren. Ursachen werden meist im soziologischen Bereich vermutet, in einer schnellebigen Zeit, so heißt es, seien Autoritätsverluste eben allerorten zu beobachten. Nicht so an der Weser. Wenn der Bremer Trainer Otto Rehhagel das Wort ergreift, dann hält der Fußballfreund, um es unsoziologisch zu sagen, gerne den Mund.