Es liegt viel menschliches Elend in den zwei Worten „arme Waise“, und nicht umsonst sind die Geschöpfe, welche mit diesem Namen bezeichnet werden müssen, für unsere Empfindung gleichsam der Typus geworden für das allerniedrigste Maß von Menschenglück. Es ist nicht bloß das äußere Darben, es ist noch mehr die seelische Verlassenheit, das liebeleere Dasein des Vater- und Mutterlosen, was auf unser Herz so ergreifend wirkt.

Vergessen sind sie darum auch nicht von der menschlichen Barmherzigkeit, und viel geschieht gewiß allerorts in der Stille für sie. Aber es besteht auch seit einem Jahrzehnt etwa in Leipzig ein Verein, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Voll- oder Halbwaisen, gegebenenfalls auch uneheliche Kinder, die ja doch meist gerade um ihrer unehelichen Geburt willen noch schutzloser in der Welt stehen, zu versorgen, und zwar in der Hauptsache dadurch zu versorgen, daß er ihre Aufnahme in vermögliche, namentlich kinderlose Familien vermittelt. Der Verein, welcher an, Friedrich Hofmann einen der eifrigsten Förderer fand und sich „Gesellschaft der Waisenfreunde“ nennt, ist den älteren Lesern der „Gartenlaube“ nicht unbekannt; am Anfange der achtziger Jahre ist über sein Wirken mannigfach berichtet worden. Durch den Tod Friedrich Hofmanns gerieth das Werk etwas ins Stocken, es soll aber jetzt mit erneuter Kraft aufgenommen werden.

Es ist keineswegs wenig, was bisher geleistet worden ist. Der Geschäftsführer Schuldirektor Mehner berichtet, daß er seit Neujahr 1878 im ganzen 55 Kinder direkt versorgt habe, während über 50 weitere Kinder von Eltern auf anderem Wege als durch den Verein angenommen wurden, wobei aber der Verein sich das Verdienst der Anregung zuschreiben darf. Andererseits sind die Schwierigkeiten nicht gering, denn es erfordert oft einen außerordentlichen Aufwand von Geduld, Zeit und Geld, bis alle Wünsche bei der Unterbringung solch eines Wesens erfüllt sind.

Der Leser möge hieraus zugleich entnehmen, wie weit der Verein den Kreis seiner Pflichten spannt. Er begnügt sich nicht damit, ein Kind „angebracht“ zu haben, sondern er hat auch weiter ein Auge auf dasselbe, ob der Endzweck der Thätigkeit, diese armen Hilflosen zu nützlichen Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft heranzuziehen, erreicht werde.

Und nun wendet sich der Verein an die Oeffentlichkeit mit der dringenden Bitte, es möchte doch jeder, der ein Herz hat für die armen Waisen, durch Zahlung eines Beitrags (nicht unter 3 Mark) seinen Eintritt in die „Gesellschaft der Waisenfreunde“ erklären, damit dieselbe ihre segensreiche Thätigkeit in größerem Umfange fortsetzen und womöglich ihr letztes Ziel, die Gründung eines Asyls, erreichen könne.

Kleiner Briefkasten.

D.A. in Cleveland: Besten Dank für Ihre freundliche Zusendung der illustrierten Prachtausgabe des „Clevelander Anzeigers“, aus der wir ersehen haben, daß die Feier des „Deutschen Tags“ in Ihrer Stadt einen entschieden großartigen Verlauf genommen hat.

S.M.K.K., Texas: Mit Belehrung aus so weiter Ferne ist in Ihrem Falle nicht viel zu machen. Alles, was wir können, ist, daß wir Ihnen Muth zusprechen. Glauben Sie uns, diejenigen, die in Gesellschaft nicht viel reden, das sind nicht immer die schlechtest Angesehenen; wahre Menschenkenner werden immer den guten Kern auch aus dem herausfinden, der nicht viel aus sich zu machen versteht. Also nur Kopf in die Höhe! Und sorgen Sie dafür, daß Sie vor Ihrem eigenen Gewissen gerechtfertigt dastehen, dann werden Sie auch lernen, sich über das Urtheil der „Gesellschaft“ hinwegzusetzen.