Von Matthias Naß

New York, Ende April

Wenn New York am 10. Juni mit der „Mutter aller Konfettiparaden“ die vom Golf heimgekehrten Krieger feiert, dann werden aus den Fenstern des 38 Stockwerke hohen Hauptquartiers der Vereinten Nationen am East River keine ticker tapes rieseln. Und das nicht nur, weil die Metropole ihre Helden traditionell einige Straßenblocks weiter westlich, am Broadway, mit einem Jubelumzug ehrt.

Den meisten Mitarbeitern der Weltorganisation ist einfach nicht zum Feiern zumute. Sie empfinden den Krieg der von Amerika angeführten Koalition gegen den Irak als eine Niederlage, obwohl ihn doch der UN-Sicherheitsrat gebilligt hatte. Eine Gesprächspartnerin berichtet von den „Depressionen“ mancher Kollegen, die mit großem Einsatz und viel Idealismus einer Organisation dienen, die „den Frieden erhalten soll“.

Javier Pérez de Cuéllar selbst, der Generalsekretär, hatte während des Krieges ein ums andere Mal seine hilflose Zuschauerrolle beklagt: „Ich bin in der Hand des Sicherheitsrates.“ Nachdem seine letzte Friedensmission in Bagdad an der Kompromißlosigkeit Saddam Husseins gescheitert war und Präsident Bush den Beginn des Luftkrieges befohlen hatte, tauchte Pérez wochenlang verbittert ab. Dann und wann suchte ihn der amerikanische Botschafter Thomas Pickering auf, um ihn über den Verlauf der Kämpfe zu informieren.

„Dies ist kein Krieg der Vereinten Nationen im klassischen Sinn“, vertraute Pérez bekümmert einem Korrespondenten an. „Die Vereinten Nationen kontrollieren die Operationen nicht, es gibt keine UN-Flagge, keine Blauhelme oder irgendeine Mitwirkung des Militärausschusses.“

Erst als die Schlacht geschlagen und Kuwait befreit worden war, wurden die Dienste des Sekretariats wieder gefragt. In Windeseile mußte eine Friedenstruppe zur Überwachung der entmilitarisierten Zone zwischen Irak und Kuwait aufgestellt werden. Dann galt es, in aller Welt Fachleute aufzutreiben, die die Vernichtung irakischer Massenvernichtungswaffen und Raketen kontrollieren und die Entschädigungszahlungen Bagdads regeln können – wie von der Waffenstillstandsresolution gefordert. Zugleich verlangte das Elend der kurdischen und schiitischen Flüchtlinge nach sofortiger Hilfe. Viele Schreibtische am East River stehen in diesen Tagen verlassen; wer in New York blieb, arbeitet häufig rund um die Uhr.