Von Karl Felder

Im Januar dieses Jahres ließ die Hudson’s Bay Co. verlauten, bis im Frühling wolle man sich vollends aus dem Pelzhandel zurückziehen. Die Anti-Pelz-Lobby drinnen und draußen jauchzte. Allerdings war das Geschäft mit Pelzen im Tagesablauf des Unternehmens und damit auch in seinen Büchern längst kein namhafter Faktor mehr. Insofern ist der Entscheid der Geschäftsleitung im „Bay“-Hochhaus zu Toronto nur ein weiterer logischer Schritt beim Rückzug aus dem Hohen und Wilden Norden Kanadas, nachdem sie vor vier Jahren bereits ihre Läden dort verkauft hatte. Gleichwohl geht eine einzigartige Ära in der Geschichte Nordamerikas zu Ende, die vor über 300 Jahren begann: mit Pelzen und Handelsstationen.

Die Läden im Hohen Norden, welche sich im Laufe der Zeit von absichtlich ungeheizten general stores – es galt schließlich, Umsatz zu machen, nicht Diskussionen anzuregen – zu modernen Einkaufszentren gewandelt hatten, sind im wahrsten Sinne des Wortes die Wurzeln der 1670 ins Leben gerufenen Hudson’s Bay Company (HBC) gewesen. Am 2. Mai jenes Jahres gewährte nämlich der englische König Karl II. seinem Cousin, dem böhmischen Prinzen Ruprecht (englisch: Rupert) und einem von ihm präsidierten Konsortium nach langem Antichambrieren Ruperts das Recht, sich als „true lords and proprietors“ der Hudson’s Bay betrachten zu können, jener Bucht südlich von Baffin Island also, welche von Henry Hudson im Jahre 1610 auf der Suche nach der mystisch verklärten Nordwestpassage gefunden wurde.

Das Privileg für Rupert und seine Gesellschaft erstreckte sich auch auf alle Gebiete, deren Wasserläufe sich in die Bucht ergossen, und das waren nicht eben wenige. Diese königliche Deklaration – das Pergament, wohl eines der bedeutendsten Geschichtsdokumente Nordamerikas, hängt heute noch wohlbehütet im Torontoer Hauptquartier der „Bay“ – schuf mit einem einzigen Federstrich die Grundlage zum ältesten heute noch aktiven Unternehmen kapitalistischer Ausrichtung, aber auch zur (geographisch) weitläufigsten Firma der Welt.

Es war ein nur unvollständig erforschtes, weitgehend unbekanntes und letztlich unerwartet großes, ja riesiges Gebiet von rund drei Millionen Quadratmeilen, das da über die Royal Charta neue Herren oder Herren überhaupt gefunden hatte. Ruperts Land, wie es lange genannt wurde, umfaßte ursprünglich etwa vierzig Prozent des heutigen Kanada, reichte aber auch weit in die Staaten Minnesota und Norddakota hinein.

Nur die Einzugsgebiete der nach Norden und Westen abfließenden Flüsse waren vom umfassenden Anspruch Prinz Ruperts ausgenommen. Da aber Karl II. von England und sein Cousin in weiser Voraussicht auch Gebiete in ihr Dokument aufgenommen hatten, von denen weder sie noch sonst jemand zu wissen schien, welche indessen nach einer allfälligen Entdeckung der hartnäckig gesuchten Nordwestpassage hätten gefunden werden können. Dann wären der Hudson’s Bay Co. Handelsrechte von Labrador bis China zuteil geworden!

So weit sollte es indessen nicht kommen. Rupert und seine Mannen konzentrierten ihre Energie auf die vorhandenen Jagdgründe. Das „Königreich per se“, wie ein ehemaliger Generalgouverneur in Kanada, John Buchan, die HBC nannte, entsprach immerhin einem Zwölftel der Erdoberfläche und war zehnmal größer als das Heilige Römische Reich im Zenit seiner Macht.