Von Norbert Kostede

Eine politische Karriere auf der Achterbahn: steil hinauf, dann in einer Linkskurve heruntergeschossen. Nach zwei Loopings soll nun am 8. Mai die Wahl zum Frankfurter Oberbürgermeister stattfinden, in ein Amt also, das auch nicht gerade ein Ruhekissen darstellt. Andreas von Schoeler, im 43. Jahr, ewig braungebrannter Politiker mit Zigarettenspitze, bereitet sich auf die nächsten Schikanen vor.

Die Kontinuität in der Führungsriege der politischen Klasse täuscht leicht darüber hinweg, wie schroff die Wechselfälle und Karrierebrüche in der Politik tatsächlich sind. Und wie leicht man auch aus Spitzenpositionen herausfallen kann, demonstriert der Werdegang Schoelers.

Es begann 1972 mit einem Frühstart: von der Universität in den Bundestag – eine Frischlingskarriere, die zehn Jahre später zum Markenzeichen der Grünen werden sollte. Mit 24 Jahren kommt Schoeler, als damals jüngster Abgeordneter, über die hessische Landesliste der FDP in den Bundestag. Mit 28, ein Jahr nach dem zweiten juristischen Staatsexamen, wird er zum "Baby-Staatssekretär", zum Parlamentarischen Staatssekretär im Innenministerium ernannt. Mit 34 Jahren dann der tiefe Fall: Die Bonner sozial-liberale Koalition zerbricht; Schoeler tritt nach der Wende aus der FDP aus und in die Sozialdemokratische Partei ein; für ein SPD-Bundestagsmandat in den vorgezogenen Wahlen 1983, um das er sich bewirbt, reicht es dann nicht.

Wenn jemand ohne größere Berufs- und Lebenserfahrung so steil aufsteigt und dann jäh abstürzt, schließt sich zumeist ein persönliches Drama an: Politische Macht und Mediendarstellung sind bekanntlich Suchtmittel. Unzählige Politiker, die keinen neuen Lebenssinn finden konnten, zerbrachen in den unerbittlichen Entziehungskuren der Demokratie. Ein normales bürgerliches Leben ohne Mikrophon und Zeitungsberichte muß erst wieder erlernt werden. Manchem gelingt das nicht.

Doch nach kurzem Zwischenspiel als Rechtsanwalt in Frankfurt kehrt Schoeler im Juni 1984 in die Politik zurück, als Staatssekretär im hessischen Innenministerium. Drei Jahre später, als die erste rot-grüne Landtagskoalition an einem Dachlattenschaden zerbricht, saust er wieder herab. Andreas von Schoeler lernt die undankbare Rolle eines Politik-Reservisten kennen – "immer im Gespräch", aber selten im Amt. Als Ministerkandidat für Rheinland-Pfalz war er im Gespräch, auch als Innensenator für Hamburg – die FDP verweigerte sich freilich dem "Dissidenten".

Ein solches Auf und Ab in der Karriere kann ertragen, wer die entscheidenden Weichenstellungen selber in freier Entscheidung vorgenommen hat. Wo im Normalfall die Wahlniederlagen blindlings zuschlagen oder die "Parteifreunde" im taktischen Spiel überlegen sind, traf Schoeler eine bewußte Entscheidung mit beachtlichem Mut zum Risiko: Ob sein Parteiwechsel zur SPD mit Amt oder Mandat honoriert werden würde, war durchaus ungewiß. Schoeler hätte wie die Mehrzahl der alten linksliberalen FDP-Politiker die Wende grummelnd nachvollziehen und sich ins Unvermeidliche fügen können. Er tat es nicht. Als das Opportunitätskalkül mit der politischen Einstellung in Konflikt geriet, stellte er sich der Stunde der Wahrheit.