Von Mieczyslaw F. Rakowski

WARSCHAU. – Zugegeben, ich verfolge den Verlauf der Diskussion um die Frage Bonn oder Berlin nicht. Ich weiß nur, daß es Fürsprecher und Gegner der Verlegung der deutschen Hauptstadt nach Berlin gibt. Ich kann daher meine Ansicht zu diesem Thema äußern, ohne durch die vielen Argumente für und wider belastet zu sein. Die Debatte selbst dürfte noch eine lange Zeit dauern. Ich jedoch formuliere meinen Standpunkt ohne jegliche Gemütserregung.

Ich bin der Ansicht, daß die Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland Berlin sein sollte. Dafür drängen sich mir mehrere Gründe auf:

Zum ersten würde die Verlegung der Hauptstadt von Bonn nach Berlin meines Erachtens die Krönung jenes Prozesses sein, der zur Entstehung eines einheitlichen deutschen Staates geführt hat. Wenn man die Tatsache in Erwägung zieht, daß die wirkliche Vereinigung, nämlich die Bildung eines Staates mit einheitlichen Lebensverhältnissen, und nicht nur in rechtlicher Hinsicht, eine Frage von mehreren Jahren ist, könnte Berlin als Hauptstadt zu einem Zentrum werden, das die Integration von West- und Ostdeutschland beschleunigen würde. Und das ist nicht nur eine Angelegenheit, die die Deutschen interessiert. Es steht schon heute fest, daß die Eingliederung der DDR in die Bundesrepublik Deutschland Konfliktsituationen auslöst, deren Folgen sich auf den sozialen Frieden und die geistige Entfaltung des deutschen Volkes ungünstig auswirken können. Ich denke, daß eine schrittweise Verlegung der Hauptstadt von Bonn nach Berlin dazu verhelfen würde, aus dieser Stadt einen einheitlichen Organismus zu machen, den sie heute nicht darstellt.

Zum zweiten meine ich, daß Berlin als Hauptstadt die Einwohner der ehemaligen DDR zufriedenstellen könnte, die in den geeinten deutschen Staat auch einen Minderwertigkeitskomplex eingebracht haben. Der Abbau dieses Komplexes ist gewiß nicht nur eine wirtschaftliche Frage, obwohl sie derzeit am wichtigsten zu sein scheint.

Zum dritten ist Berlin im Bewußtsein der Europäer nicht nur eine Hauptstadt des nicht mehr existierenden Preußens und des Preußentums, sondern vor allem eine Stadt mit reichen kulturellen, wissenschaftlichen und politischen Traditionen. Ein Osteuropäer denkt bei Deutschland sofort an Berlin und nicht an Bonn. Die Bundeshauptstadt Bonn ist für ihn etwas Vorübergehendes.

Zum vierten: Obwohl ich die für Europa günstigen Auswirkungen der Einbeziehung der Bundesrepublik Deutschland in die politischen, wirtschaftlichen und militärischen Strukturen des Westens während der vergangenen Jahre kenne und sie würdige, glaube ich doch, daß bei einem Berlin als Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschlands Interesse für Mittel- und Osteuropa zunähme. Es würde also die Tendenz Deutschlands abschwächen, vornehmlich in eine Richtung zu sehen. Dieser erweiterte Blickwinkel wäre sowohl für Deutschland wie für ganz Europa vorteilhaft.