Strom aus Solarzellen ist in ganz einfachen und in sehr komplexen Systemen bereits konkurrenzfähig

Von Franz Frisch

Wenn heute in der Öffentlichkeit über umweltfreundliche Stromerzeugung diskutiert wird, stehen immer noch Argumente der siebziger Jahre im Vordergrund: Im Vergleich zur billigen Energie aus konventionellen Großkraftwerken sei die Photovoltaik (PV), die direkte elektronische Umwandlung von Sonnenlicht in elektrischen Strom, noch viel zu kostspielig. Doch die Mitte April von der EG-Kommission in Lissabon veranstaltete 10. Internationale Photovoltaik-Konferenz zeigte eines deutlich: Angesichts der Energieproblematik wird es immer wichtiger, auch nach den Folgekosten der konkreten Bedürfnisse der Menschen zu fragen – in aller Welt, von der Verbesserung des Lebensstandards über die gewerbliche Produktion von Gütern bis hin zur Schonung der Umwelt. Und die in Lissabon präsentierten Ergebnisse aus der Forschung und wirtschaftlichen Anwendung demonstrieren, daß die Photovoltaik ideal in Zeit und Zukunft paßt – als Energiequelle für intelligente technische Systeme. Denn sie ist in der Leistung beliebig variabel, an jedem Punkt der Erde verfügbar, lautlos, umweltfreundlich und unerschöpflich.

Yahia Mesbahi von der staatlichen algerischen Forschungsbehörde prägte in Lissabon eine treffende neue Bezeichnung für die Photovoltaik: the noble energy. Algerien, das nicht nur über Erdöl, sondern auch über 3000 Sonnenstunden pro Jahr verfügt, hat – weil für weite Landesteile konventionelle Energien nicht in Frage kommen – eine eigene Photovoltaik-Produktion aufgebaut, um möglichst alle Bewohner mit elektrischer Energie zu versorgen.

Daß Photovoltaik in Entwicklungsländern schon heute wirtschaftlich nutzbar ist, liegt an ihrem einzigartigen Vorteil: Die elektronische Stromquelle kann so klein gebaut werden, daß ihre Leistung dem individuellen Bedarf exakt entspricht. So stattet Tunesien jetzt erstmals 200 entlegene Schulen mit PV-Systemen aus. Die Generatoren liefern gerade 250 Watt, doch das genügt für elektrisches Licht in den Klassen und den Betrieb von Radio und Fernsehapparat. Die Kosten liegen fünfmal niedriger als ein entsprechender Netzanschluß.

Die maßgeschneiderte Energie wirkt sich in den Entwicklungsländern segensreich aus: Die Technische Universität Madrid beobachtet seit vier Jahren die Auswirkungen der photovoltaischen Stromversorgung des Dorfes Notto im Senegal. Erwartungsgemäß ergaben sich erhebliche soziale Verbesserungen. Kinder und Frauen wurden beispielsweise entlastet, die vorher an Mühlen und Wasserpumpen arbeiten mußten.

Die in der Dritten Welt beginnende Nutzung der Photovoltaik reicht bis zur Volksrepublik China, die schon heute zu den ersten PV-Produzenten zählt und beginnen will, das halbe Staatsgebiet mit Photovoltaik weiter zu elektrifizieren. In der Westhälfte Chinas leben noch hundert Millionen Menschen ohne Elektrizität.