Eine junge Frau läuft barfuß durch knöcheltiefen Schnee. Sie stürzt, bleibt liegen, ein Häufchen Schwarz im weiten Weiß. Langsam rappelt sich die Frau im Trauer-Kleid auf. Sie stemmt den Oberkörper empor in eine Art Liegestütz. Dunkel fallen die Haare über ihr Gesicht, und sie rennt los – blind, auf den Händen, mit gestreckten Füßen. Wir sehen ein dunkles Etwas, halb Raupe, halb Krabbel-Maschine, sich vorwärts quälen, immer schneller, bis der Kopf an die Mauer des Bühnenrahmens prallt und der Körper entkräftet in den Schnee fällt. Mit ruhigen Schritten naht ein Mann. Geduldig, fast fürsorglich hebt er die Frau auf, geleitet sie zum Ausgangspunkt in der Bühnenmitte zurück, legt sie sanft in den Schnee. Der zweite Anlauf beginnt – und endet wieder im Krachen des Kopfes an die Eingrenzung der Szene – dort, wo die Welt für dieses Geschöpf mit Brettern vernagelt ist.

Die oft wiederholte Szene ist eine der rätselhaft traurigsten in der Folge von mehr als hundert Bildern von Pina Bauschs neuem Stück für ihr Tanztheater von dreiundzwanzig Darstellern, das jetzt im Schauspielhaus der Wuppertaler Bühnen uraufgeführt worden ist. Die knapp zweieinhalbstündige Aufführung heißt, wohl zum zehnten Mal: "Tanzabend II". Der endgültige Titel wird, wie bisher, erst später gefunden. Die Zuschauer, die Pina Bausch und ihr Ensemble mit Jubel feierten, durften einen Blick in den Probensaal, auf ein work in progress tun.

In der Abfolge der Bilder, im Wechsel des Rhythmus von Ensembles und Soli, zwischen (oft zu) lauten, diesmal aber auch überraschend sanften, fast unhörbaren Szenen mit (bearbeiteten) Tänzen und Liedern aus Spanien, Italien, Afrika und Lateinamerika, vom Mittelalter bis zum Jazz der dreißiger und vierziger Jahre: in der endgültigen Gestalt wird sich das neue Stück vielleicht erst im Herbst in Spanien zeigen, beim "Festival de Otoño" im Teatro Zarzuela in Madrid. Ist das bislang letzte Stück, "Palermo, Palermo" (ZEIT Nr. 52, 22. 12. 1989), als Auftragsarbeit mit dem Teatro-Biondo-Stabile der sizilianischen Hauptstadt entstanden, so haben jetzt die spanische Hauptstadt und das Madrider Herbst-Festival Pina Bauschs international besetzter Truppe die Zusammenarbeit angeboten.

Von Spaniens Glut und Flamenco-Sängern träumend, kommen wir ins Theater an der Wuppper – und sehen uns in eine Schneelandschaft versetzt. Gleich wird Peter Pabst, der die Bühne weniger gebaut als entrümpelt hat, die Flocken von Neuschnee auf die weiß gewellte Landschaft rieseln lassen.

Den Schock dieser von den schwarzen Brandmauern der Bühne umrahmten Szene aus kaltem Weiß nehmen viele der Bilder auf. Heiß hechelnde, keuchende Musik aus sonnenverbrannten Ländern am Äquator vom Band (Bearbeitung Matthias Burkert, der sich als Tänzer auch durch die Schneewehen auf der Bühne kämpft) – und dagegengestellt die Wüste einer polaren Landschaft, durch die zweimal kurz ein Eisbär trottet – wie in früheren Aufführungen das gemütlich dumpfe Flußpferd aus dem Wuppertal, nahe dem Neandertal.

Da tanzen, im Zeitlupen-Tempo zum Five-o’-clock-Geklimper von Cole Porters Schlager "Night and Day", Männer mit Männern vor einem Birkenwald aus 42 Stämmen. Sie verklammern die Knie so, daß sie sich weit zurücklehnen können und einander gleichsam gegenüber "sitzen". Einige Takte lang eine Störung vertrauter Seh-Gewohnheiten.

Eine schöne Frau im Abendkleid tritt an die Rampe. Als ob sie den Sitz der Strümpfe prüfen wolle, streicht sie sich über die Beine – die danach mit Teer beschmiert sind. Aus dem Spiel mit Erwartungen, Wünschen, Sehnsüchten, die witzig oder banal enttäuscht werden, gewinnt auch der neue Tanzabend von Pina Bausch seine Spannung – so wenn Julie Anne Stanzak einen Tisch auf die Bühne schleppt und ein Baguette drauflegt. Die wird sich nun ein großes Sandwich zubereiten, denken wir, in der Erinnerung an manche Szenen vom Essen (und Gefressen-Werden) des Abends. Die Tänzerin aber packt einfach für ein paar Sekunden das rechte Bein zwischen die Brothälften – und entwirft so ein befremdliches, aber Beifall lockendes Bild vom Hunger des Begehrens.