Trotz aller Probleme: Berlins Verwaltung überwindet Schritt für Schritt die Teilung der Stadt

Von Joachim Nawrocki

Berlin, Ende April

Beim entspannten und weithin einvernehmlichen Gespräch mit der Bundestagsabgeordneten Ingrid Köppe, einer der mutigen Frauen des Neuen Forums, fangen die Widersprüche schon an. Unsereiner bemängelt, daß die Mitte Berlins, von einigen neuen Geschäften abgesehen, noch immer so daliegt, wie sie der SED-Staat hinterlassen hat: unaufgeräumt, verwahrlost, zugestellt von toten Baustellen, kaum passierbar vegen immer noch versperrter Straßen und mit der sozialistischen Ahnengalerie auf den Straßenschildern. Jede Provinzstadt ist da weiter. Ingrid Köppe dagegen sagt: "Mich ärgert, daß mein Köpenick jetzt nach westlichem Geschmack verändert wird. Es muß doch nicht alles angeglichen werden. Was euch nervt, gehörte bei uns einfach dazu, auch die Baustellen. Die vertrauten Geschäfte verschwinden, auf den Straßen stehen häßliche Buden, an den Litfaßsäulen ist nicht mehr das Kinoprogramm zu lesen, der Zeitungskiosk wird abgerissen, überall wirbt jemand, das Auge hat keine Ruhe mehr. Und es wäre noch anders, wenn wir das selbst entschieden hätten. Aber es kommt wie eine Lawine von außen."

Was dem Wessi entschieden zu langsam vonstatten geht, geht dem Ossi schon vielfach zu schnell und zu weit. Wo nach westlicher Betrachtungsweise endlich Farbe ins graue Stadtbild kommt, wirkt es in östlichen Augen oft schon zu grell. Zu der Sorge um Arbeitsplätze und steigende Mieten, zu der Flut neuer Gesetze, Steuervorschriften und sozialer Regeln kommt die Verfremdung, der Verlust von Heimat. "Alles ist anders", meint Ingrid Köppe, "die Telephone, die Klospülung, die Krankenkasse. Es gibt 72 verschiedene Klobrillen im Geschäft, ich habe nachgezählt und gestaunt, wieviel Zeit die Leute darauf verwenden, um eine auszusuchen. Ostler und Vestler sind doch sehr unterschiedlich, und das wird sich nicht von heute auf morgen verändern. Wir können uns nicht so schnell anpassen. Die Verschiedenheit zeigt sich schon in der Art, miteinander zu reden. Die Westler reden viel mehr, aber sie wiederholen sich dauernd."

Es gibt noch immer zwei Gesellschaften, auch in Berlin, obwohl man sich hier näher ist, schon mehr miteinander umgeht und die Menschen in der jeweils anderen Stadthälfte nicht als Fremde empfunden werden. "Zusammengewachsen ist Berlin noch nicht, es ist erst auf dem Weg dazu", sagt Berlins Regierender Bürgermeister Eberhard Diepgen. Die Stimmung in der Stadt, meint er, sei aber besser, als sie in den Medien dargestellt werde, doch auch die Ungeduld und die Sorgen seien größer. "Es fehlt noch die notwendige Sensibilität im Umgang mit der Lebensleistung des jeweils anderen. Der Aufbau der Verwaltungs- und Entscheidungsstrukturen ist erst das zweitwichtigste Problem, und das Geld kommt an dritter Stelle." Das ist ein großes Wort, angesichts der Milliardendefizite, mit denen sich Berlin auf absehbare Zeit herumplagen muß, so daß nicht nur manche Planungen, sondern auch viele staatliche Wohltaten fromme Wünsche bleiben werden.

"Wir sind erst in einer Phase, wo wir Liegengebliebenes aufarbeiten und neue Themen anpacken", meint Diepgen. Wenn Daimler-Benz-Chef Edzard Reuter kritisiert hat, daß sich Berlin beim Aufräumen und Umstrukturieren schon zu viel Zeit gelassen habe, dann fühlt sich Diepgen davon nicht getroffen; er ist ja erst hundert Tage im Amt. "Die Vorarbeit war ungenügend. Die Planungen zur Einheit haben zu spät angefangen. Man hat sich nicht konzeptionell mit ihr auseinandergesetzt von dem Zeitpunkt an, wo sie abzusehen war."