Ostermontag, 1. April 1991, Kaiser-Friedrich-Ring 71 in Düsseldorf-Oberkassel, 23.30 Uhr. Ein Schuß zerreißt die nächtliche Stille des Düsseldorfer Nobelviertels. Er trifft den Vorstandsvorsitzenden der Berliner Treuhandanstalt, Detlev Karsten Rohwedder, in den Rücken. Das Geschoß durchschlägt den fünften Brustwirbel, zerfetzt Aorta, Speise- und Luftröhre. Rohwedder ist sofort tot. Zweimal noch feuert der Schütze aus einem Schnellfeuergewehr belgischer Bauart. Rohwedders zu Hilfe geeilte Ehefrau wird am Ellbogen verletzt.

Der Mord, zu dem sich schließlich ein „Kommando Ulrich Wessel“ der „Rote Armee Fraktion“ (RAF) bekennt, trifft das vereinte Deutschland zu einem Zeitpunkt, da sein Zusammenwachsen vor immer neue Zerreißproben gestellt wird: Erst eine Woche vor dem Anschlag hatten Nachrichten über ein Zusammenwirken von DDR-Staatssicherheitsdienst und „Rote Armee Fraktion“ in der ersten Hälfte der achtziger Jahre die Öffentlichkeit aufgeschreckt. Täglich neue Katastrophenmeldungen über die Wirtschaftslage im Osten und die verbrecherischen Aktivitäten der Stasi hatten das Thema Terrorismus eine Zeitlang fast in Vergessenheit geraten lassen. Doch seit der Aufdeckung der Stasi-RAF-Connection beherrscht es erneut die Schlagzeilen.

Die Terroristen hatten sich ihr Opfer mit der ihnen eigenen Konsequenz ausgesucht. In einem fünfseitigen Bekennerschreiben, das am 4. April bei Agence France Presse in Bonn eingeht, heißt es, der Anschlag habe dem „Bonner Statthalter in Ost-Berlin“ gegolten, einem Mann, „der die Welt in Produktivitätssteigerung und Profitraten sieht und für den Menschenleben nichts zählen“.

Es entspricht der für die wirre Ideologie der RAF charakteristischen Logik, jenen Mann zu ermorden, der qua seines Amtes das Zusammenwirken von Politik und Wirtschaft verkörperte. Als Herr über 8000 Ex-DDR-Betriebe und oberster Sanierungsbeauftragter der Bundesregierung wird Rohwedder für all das verantwortlich gemacht, was dem versprochenen Aufschwung Ost zuwiderläuft: für Betriebsschließungen, Arbeitslosigkeit, Inflation. Der RAF ist der Treuhandchef damit so verhaßt wie der „Kapitalstratege“ Alfred Herrhausen, Chef der Deutschen Bank – und ihre Antwort lautet wie gehabt: Mord.

Doch noch während ein Sondereinsatzkommando des Bundeskriminalamtes (BKA) in Düsseldorf ermittelt, spricht der Chef des Hamburger Verfassungsschutzes, Christian Lochte, von einem RAF-untypischen Anschlag und deutet an, auch der Staatssicherheitsdienst der DDR könne als mutmaßlicher Drahtzieher oder Mittäter in Frage, kommen. Lochte trifft damit einen empfindlichen Nerv: unbewältigte Vergangenheit – hüben wie drüben. Die „Rote Armee Fraktion“ ist vielleicht das Trauma der Bundesrepublik, der alles umschlingende Krake Stasi das Trauma der Bevölkerung der ehemaligen DDR. Beide Organisationen gemeinsam ergeben den gesellschaftlichen Alptraum schlechthin.

Mit der Vernehmung einer schlanken, schwarzhaarigen, 39jährigen Frau namens Ingrid Becker in der Hauptdirektion 1 des Zentralen Kriminalamts der DDR am 6. Juni 1990 hatte die Aufdeckung eines der größten Skandale in der Geschichte der beiden deutschen Staaten ihren Anfang genommen. „Ich möchte gleich zu Beginn meiner Befragung erklären“, gab die Vorgeladene zu Protokoll, „daß meine eigentliche Identität nicht die der Becker, geb. Jäger, Ingrid ist. Ich nehme an, daß meine heutige Festnahme durch das Untersuchungsorgan der DDR damit im Zusammenhang steht. Zu meiner wahren Identität gebe ich folgende Erklärung ab. Mein Name ist Susanne Albrecht. Ich wurde am 1. 3. 1951 in Hamburg geboren. Zu meiner heutigen Identität ist mir durch eine staatliche Stelle der DDR verholfen worden.“

Eine Sensation: Susanne Albrecht, eine der meistgesuchten Terroristinnen der 77er Genera-