ZDF, Donnerstag, 9. Mai, 15.55 Uhr: "Verschwundene Lieblinge. Berühmte Filmstars – Opfer des Dritten Reiches", Film von Helmar Harald Fischer

Der Montagabend war der Lieblingsabend im Fernsehfunk der DDR. Da gab es alte Filme, da lief nahezu alles, was im Staatlichen Filmarchiv an Ufa-Produktionen lagerte: Filme mit Zarah Leander, mit Heinz Rühmann, Hans Albers und Marika Rökk. Es gab eine Generation, die diese Filme liebte. Sie stammten aus ihrer Jugendzeit.

Diesen Filmen fehlt etwas Wichtiges, und sie sind gemacht, damit dies Fehlen nicht bemerkt werde. "Plötzlich waren da lauter neue Gesichter, die Marlene war weg, die Bergner war weg, auch der Kurt Gerron – alle verschwunden." Ein Kinogänger von einst erinnert sich. Damals wußte man nicht, was sich abgespielt hatte. Die Komödianten waren im Ausland oder im Konzentrationslager. Sie verschwanden in aller möglichen Öffentlichkeit. Und dennoch unbemerkt.

Der Film von Helmar Harald Fischer ist ohne Verklärung oder Larmoyanz ihren verschwundenen Geschichten auf der Spur; mit lakonischer Schärfe zeichnet er fünf Schauspielerportraits, fünf Biographien, die mehr erzählen als alle Montagabendfilme zusammen. Zum Beispiel die Geschichte von Otto Wallburg, der bis 1933 am Deutschen Theater von Max Reinhardt und in 74 Filmen gespielt hatte. Als die Ufa dem "Nichtarier" seinen Jahresvertrag kündigt, verweist Wallburg vor der Reichskulturkammer auf seine Verwundung und sein Eisernes Kreuz im Ersten Weltkrieg. Er erhält eine Sondergenehmigung, im Oktober 1933 noch einmal aufzutreten; "völliges Einverständnis zwischen ihm und dem Berliner Publikum" erinnert Maria Matray, nachts aber schon anonyme Anrufe, antisemitische Beschimpfungen.

Könnte es sein, daß einer der Anrufer ihm gerade noch auf der Bühne zugejubelt hat? Was für ein Stoff! Wallburg flieht nach Wien und wird fallengelassen wie eine heiße Kartoffel. Paris, dann Amsterdam; 1939 spielt Wallburg in einem kleinen Kabarett, während seine Berliner Kollegen die Studios im besetzten Holland nutzen. 1942 schreibt er aus Amsterdam: "Steinhoff war hier, auch Rühmann, aber beide haben sich nicht gemeldet." Er wird denunziert und im Oktober 1944 in Auschwitz vergast.

Wichtige Geschichten sind das nach wie vor, auch die Biographien von Robert Dorsay und Fritz Grünbaum, die mit Filmausschnitten, Privatphotos und Zeugenaussagen nachgezeichnet werden. Die Geschichten von Hans Otto, dem Kommunisten, der von der Gestapo zu Tode gefoltert wird, oder von Joachim Gottschalk, der aufgefordert wird, sich von seiner jüdischen Frau zu trennen, und sich daraufhin mit ihr zusammen vergast. Der Schauspieler Joachim Gottschalk war dem jungen Will Quadflieg ein Vorbild; das Mitläufertum nennt Quadflieg ein "großes Kapitel", und er hat den Mut, sich selbst einen Mitläufer zu nennen. Ist es schon geschrieben, dieses Kapitel? Wenn nicht, hätte dieser Film einen anderen Sendeplatz verdient. Martin Ahrends