Auf ihrer Bundesversammlung flüchteten sich die Grünen in alte Konflikte

Von Gunter Hofmann

Neumünster, Ende April

Weil sie doch "nicht die Katze im Sack kaufen wollen", hatten sich ein paar Vertreter des Neuen Forum/Bündnis 90 in der Holstenhalle unter die 660 Delegierten des Parteitags der Grünen gemischt. Denn mit dieser Partei wollen die Bürgerbewegungen aus dem Osten später einmal fusionieren – wenn alles gut geht.

Beim Zuhören haben die Zaungäste aus dem Osten aber die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. "Wie entsetzlich, wie rückwärtsgewandt!" Antje Rusch, eine Grüne aus Sachsen, resümierte ins Saalmikrophon hinein, das, was sie in Neumünster erlebt habe, werde sie ihren Leuten zu Hause einfach "nicht erklären können".

An dem Versuch werden andere gleichfalls verzweifeln. Auch als Journalist hatte man sich ja angewöhnt zu schreiben, die Grünen befänden sich auf dem Weg zu einer normalen Partei. Eine Art grüne FDP würde daraus, mutmaßten andere sogar schon.

Das ist immer noch möglich, aber ebensogut könnte man auch das Gegenteil annehmen – daß die Grünen nie eine wirklich normale Partei werden. Aus ihrem Uralt-Dilemma finden sie einfach nicht heraus. Es bleibt so, sie sind ganz normal und ganz anders. Sie sind erwachsen und kindisch, zynisch und naiv, moralistisch und ohne Maßstab. Sie sind multikulturell und borniert. Sie denken politisch und unpolitisch. Man könnte darüber lachen, würden nicht einige, die das grüne Projekt, immerhin ein erfolgreicher Test auf die Nachkriegsdemokratie, ihr halbes Leben lang verfolgt haben, so viele Tränen dabei vergießen.