Das Finanzministertreffen der sieben größten Industriestaaten in Washington hat für die Amerikaner eine herbe Enttäuschung gebracht. Im Vorfeld hatten sie keine Gelegenheit ausgelassen, um die Deutschen zur Senkung ihrer Zinsen zu drängen. Und noch kurz vor Beginn der Tagung lud Präsident George Bush die sieben Finanzminister sogar zu sich, um ihnen seine Sorgen ans Herz zu legen.

Doch auch diese ungewöhnliche Geste blieb ohne Wirkung: Die Siebenergruppe folgte Bush nicht. Im Schlußkommunique finden sich die Zinswünsche der Amerikaner überhaupt nicht wieder – fast eine Ohrfeige für die westliche Führungsmacht. So hatten sich die Vereinigten Staaten, denen der Golfkrieg ein neues Hochgefühl der Macht bescherte, die Abstimmung mit ihren kleineren Partnern kaum gedacht.

Siegeseuphorie alleine bringt noch keinen Wirtschaftsaufschwung. Weil aber die Präsidentschaftswahl langsam näherrückt, muß Bush Hinweise auf eine Belebung der Konjunktur vorlegen. Seine Regierung möchte sie mit Zinssenkungen erzwingen, fürchtet sich aber vor einem Alleingang. Deshalb verlangt sie von Deutschland und Japan, mit niedrigeren Zinsen voranzugehen. Bei ihren Forderungen übersehen die Amerikaner jedoch, daß weder Japan noch Deutschland in einer Rezession stecken. Nicht umsonst forderte der Internationale Währungsfonds (IWF) beide Staaten ausdrücklich auf, ihre vorsichtige Geldpolitik fortzusetzen. Angesichts ausgeschöpfter Produktionskapazitäten drohten sonst steigende Inflationsraten.

Das alles heißt nicht, daß die hohen Zinsen kein Problem sind. Nur ist eben verstärkte Geldschöpfung nicht dessen Lösung. Der Preis für Kapital – der Zins – ist hoch, weil das Angebot nicht mehr mit der rapide wachsenden Nachfrage Schritt halten kann. Die Weltbank schätzt den zusätzlichen Kapitalbedarf in den neunziger Jahren weltweit auf anderthalb Billionen Dollar.

In allen großen Industriestaaten ist der Anteil der Ersparnis am Volkseinkommen in den achtziger Jahren gesunken. Besonders massiv war dieser Rückgang in den Vereinigten Staaten. Das Land muß dafür einen hohen Preis bezahlen: Die niedrige Ersparnis führt zu teureren Krediten und geringerer Investitionstätigkeit. Weil die Amerikaner weniger sparen als in den sechziger und siebziger Jahren, produzieren sie heute mindestens fünf Prozent weniger, als dies bei unveränderter Sparquote der Fall gewesen wäre.

Kapital kann nicht durch Beschluß einer Regierung oder durch die Notenpresse geschaffen werden, sondern nur durch Verzicht auf laufende Ausgaben. Entweder die Privathaushalte oder der Staat müssen ihren Konsum einschränken. Gerade der IWF hat den Industriestaaten des Nordens während seiner Frühjahrstagung in dieser Woche vorgehalten, daß sie ihre Nachfrage nach Kapital zurückschrauben und mehr sparen müssen – andernfalls lasse sich der Kapitalbedarf der Entwicklungsländer, Osteuropas und des Nahen Ostens nicht befriedigen.

Diese Mahnung ist fast untergegangen im Scharmützel zwischen Amerikanern und Deutschen auf der politischen Bühne. Beide wollten über diese unangenehme Wahrheit nicht allzuviel sprechen: Das Budgetdefizit der Amerikaner – und damit ihr Finanzbedarf – wird im nächsten Jahr voraussichtlich weiter wachsen. Die Bundesregierung ihrerseits hat angesichts des drastisch gestiegenen Defizits alle Mühe, sich von Amerikanern und Italienern, den Weltmeistern im Schuldenmachen, noch klar abzusetzen.

Ihr Argument, die hohe deutsche Verschuldung sei kein Strukturproblem, sondern nur vorübergehende Folge der Vereinigung Deutschlands, stößt im Ausland auf Skepsis. Es liegt nun an Bonn, dieses Mißtrauen zu entkräften: Durch den Abbau von Subventionen kann die Bundesregierung Defizit und Finanzbedarf verringern – und damit einen Beitrag dazu leisten, daß die Entwicklungsländer und Osteuropa billiger an notwendiges Kapital kommen. Thomas Hanke