• Ein Geburtstagsgruß nach Jerusalem von Peter Härtling

Natürlich soll der Dichter singen / Das Ding, das ihm im Munde spricht / Und denken auch vor allen Dingen / Den Wahnsinn, den es nicht durchbricht.“ Mit diesem Vierzeiler, „Verwandlung des Dichters“, mache ich mir Mut, seinen Autor zu grüßen: Werner Kraft. Er wird am 4. Mai 95 Jahre alt.

Als die Scud-Raketen in Tel Aviv Straßenzeilen verwüsteten, als die Israelis befürchten mußten, die Flugkörper seien mit Giftgas gefüllt, das deutsche Technologie zu mischen half, habe ich oft an den Uralten in seiner Jerusalemer Wohnung gedacht und mich gefragt, wie er, der seine Existenz gegen den Ungeist setzte, uns antworten würde. Welche Vergleiche drängten sich da auf, welche Vorwürfe wurden da (zu Recht) laut. Wie kompliziert wird es nun sein, ein Gespräch fortzuführen, aus dem die Erinnerung nicht ausgeschlossen ist.

Er hat eingesammelt, was wir allmählich vergessen, was wir aufgeben. Er hütet Schätze, die wir vertun. Er hat die deutsch-jüdische Geschichte gelebt, die wir kaum mehr nachzuerzählen imstande sind: eine Geistes-Geschichte, die auch eine Geister-Geschichte ist.

1896 wurde er in Braunschweig geboren; studierte Germanistik, Romanistik, Philosophie, promovierte in Frankfurt/Main, arbeitete als Bibliothekar. Ein Leser – nicht nur von Berufs wegen, sondern aus Berufung. Lesend, korrespondierend, debattierend fand er Geistesverwandte, lebende und tote, die er, ein Treuer, mit auf seinen Weg nahm: Karl Kraus und Seume, den Spaziergänger; Rudolf Borchardt und Carl Gustav Jochmann, den Unruhigen, Franz Kafka und Else Lasker-Schüler, der er eines seiner schönsten Gedichte schrieb, so, als spräche er auch von sich. Denn wie sie hat er mit der Kraft der Schwachen dem Wahnsinn widerstanden, indem er ihn denkend und schreibend bannte:

Die Dichterin

In dieser Zeit, da wachsendes Entsetzen