Simone Weil: Leben und Werk

Simone Weils Werk könnte dazu beitragen, „das ‚große Tier‘ in jeder Form, in der es auftritt, zu erkennen“. Mit diesen Worten wies Ingeborg Bachmann im Jahre 1955 auf die Aktualität eines Denkens hin, das gegen die Machtzusammenballungen in Staat und Ökonomie und gegen die Dogmen von Parteien und Kirchen gerichtet war. In der kürzlich erschienenen Biographie von Heinz Abosch wird die Philosophin eine „Pionierin der Totalitarismus-Theorie“ genannt. Bereits Anfang der dreißiger Jahre hatte sie das stalinistische System als nichtsozialistische Herrschaftsform einer Bürokraten-Kaste bezeichnet und den Marxismus einer profunden Kritik unterzogen, ohne jedoch den Gedanken an eine Veränderung der Produktionsverhältnisse aufzugeben.

Simone Weil war der Meinung, daß zunächst eine „unsichtbare“, eine „stille“ Revolution kommen müßte, die die Trennung von Hand- und Kopfarbeit beseitigen, Technik und Arbeitsorganisation der methodischen Reflexion der Arbeitenden unterstellen und ein kollektives Leben begründen würde. Dabei verdammte sie keinesfalls die Automation, die sie so genutzt wissen wollte, daß die zerstörerische „unbewußte Herrschaft“ über die Natur einer „bewußten Beherrschung“ wiche.

Abosch widmet den Sozialrevolutionären Vorstellungen ebensoviel Aufmerksamkeit wie der religiös-mystischen Orientierung Simone Weils gegen Ende ihres Lebens. Er betont den Bruch zwischen den beiden Lebensphasen, untersucht dessen Ursachen und zeichnet die Gedanken nach, die das ganze Werk der Philosophin durchziehen. Sie hörte nie, auf nach Möglichkeiten zu suchen, die Arbeit von Zwang und Unterdrückung zu befreien. Bereits die Zwanzigjährige hatte geschrieben: „Die Zeit ist die Trennung zwischen dem, was ich bin, und dem, was ich sein will, so daß der einzige Weg von mir zu mir die Arbeit ist; diese immer wieder zerstörte Beziehung von mir zu mir, die nur durch Arbeit neu geknüpft wird.“

Simone Weil schöpfte aus den Quellen der gesamten philosophischen Tradition, verschrieb sich zugleich aber der politischen Aktion und versuchte, in Fabrik und Landwirtschaft zu arbeiten. Sie wollte „den Graben zwischen Denken und Handeln verringern, die elitäre Existenz der Intellektuellen überwinden“. Der Autor würdigt das praktische Engagement der Philosophin in beeindruckender Weise; zuweilen jedoch fällt er äußerst schroffe Urteile: „Methodologisch herrschte größte Verwirrung“ heißt es. Dabei berücksichtigt Abosch vielleicht nicht genügend Simone Weils methodische Grundentscheidung, im Denken stets „die Probe des Gegensatzes“ zu machen. Sie hatte sich vorgenommen: „Sobald man etwas gedacht hat, suchen, in welchem Sinn das Gegenteil wahr ist.“

Das Werk Simone Weils wurde bisher in Deutschland nur spärlich rezipiert. Die christlichmystische Wende, welche die Philosophin ihrem Leben nach schweren politischen Enttäuschungen gab, hat es in den Augen vieler Linker entwertet. Begünstigt wurde die geringe Beachtung durch eine einseitige editorische Praxis, die dem religiösen Werk der Simone Weil den Vorrang gab, während ein Teil ihrer politischen Schriften erst spät herausgebracht wurde: 1978 erschien, erweitert um einige Briefe und Aufsätze, das von Abosch übersetzte Fabriktagebuch, das die Erfahrungen von 1934/35 wiedergibt, 1975 „Unterdrückung und Freiheit“, ihr kritisches Werk über den Marxismus. Simone Weils „Cahiers“, die Tagebücher, die Ingeborg Bachmann ein „ästhetisches Gebilde“ nannte, liegen in deutscher Übersetzung nur entstellt und in Bruchstücken vor, reduziert auf religiöse Sentenzen. Es wäre zu begrüßen, wenn diese Einführung einen Anstoß gäbe für die Übersetzung weiterer Schriften, vielleicht sogar der ganzen in Frankreich begonnenen Gesamtausgabe. Judith Klein

  • Heinz Abosch: