Die Grünen lecken ihre Wunden. Seit ihnen die undankbaren Wähler am 2. Dezember 1990 den Einzug in das neue gesamtdeutsche Parlament verwehrten – ausgenommen ein einsames Grüppchen von Ost-Grünen melden sie sich über den gesamtdeutschen Buchhandel zu Wort. Das jüngste in einer Reihe schnellgestrickter Taschenbücher trägt die bange Frage, um die es geht, schon als Titel vor sich her: "Sind die Grünen noch zu retten?"

Der Schock der Bundestagswahl sitzt tief. Das dokumentieren alle sechzehn in dem rororo-Band versammelten Aufsätze von Alt-, Ex- und Neugrünen und einigen nichtgrünen Ratgebern. Von einem "Scherbenhaufen" ist da die Rede, von "gescheiterten Experimenten" oder vom "Anfang vom Ende der Grünen". In ihrer schmerzhaften Nabelschau bleiben die Grünen der bewährten Endzeit-Rhetorik und ihrer Neigung zu Katastrophen-Szenarien treu.

Bleibt die Partei? War sie bloß, wie Antje Vollmer fragt, "Vorläuferin der ökologischen Partei, die es einmal geben wird", und kann sie deswegen’ getrost verschwinden? Oder werden sich ihre Mitglieder zu einer "zweiten Gründungsphase" aufraffen, wie es Ralf Fücks hofft, der Herausgeber des Buches? Irgendwie soll es jedenfalls weitergehen, da sind sich die Autoren einig. Schließlich hätten die Grünen nicht mehr und nicht weniger als "die zentralen Lösungsansätze für die Überlebensinteressen der Menschheit" formuliert (Antje Vollmer). Und wer, wenn nicht die Grünen, könnte "ein Stück Bergpredigt und Zivilismus in der Bonner Politik verankern" (Petra Kelly)? Unfreiwillig offenbart sich in solchen Durchhalteparolen jener anmaßende Hochmut des vermeintlichen Weltverbesserers, der von Anfang an die Politikfähigkeit der Grünen beschränkt hat.

Ein anderes Eingeständnis kommt freiwillig, ist aber allenfalls für den Bundesvorstand der Grünen etwas Neues: Das Wahlergebnis war auch eine Quittung für eine Deutschland-Politik im Jahr der Wiedervereinigung, die manchen treuen Wähler zur Verzweiflung trieb. Als es längst nur noch um das Wie und Wann ging, phantasierten die Grünen immer noch trotzig von einem "dritten Weg". Ralf Fücks sagt es so: "Bei der ersten wirklichen Bewährungsprobe für die in die Jahre gekommene Protestgeneration haben wir versagt."

Seit der erste Schreck verflogen ist, ertönen die Rufe nach Reformen und einer neuen politischen Kultur der ehemals alternativen Partei. Flügelkämpfe sind schlecht, verkünden die Flügelkämpfer beider Seiten. Otto Schily, der zur SPD gegangen ist, sieht eine vage Hoffnung auf einen neuen Konsens der Grünen, seit "etliche vagabundierende Linke zur PDS abgewandert" seien. Ralf Fücks dagegen beklagt gerade den jahrelangen Talent-Verschleiß: "... die Parteilinke hat ihre führenden Köpfe an den Salonradikalismus (Ebermann, Trampert) oder an die PDS (Stamm, Reents) verloren. Jutta Ditfurth spielt nur noch in Talk-Shows ihre Rolle als schlechtes Gewissen des Großbürgertums."

Doch über die üblichen gegenseitigen Schuldzuweisungen hinaus finden sich in den Aufsätzen viele kritische Betrachtungen über die eigene Partei. Die Grünen, erfährt der Leser zum Beispiel, seien bestimmt von einem "informellen Funktionärsapparat, der Macht hat, ohne sie offen zugeteilt bekommen zu haben". Eine bittere Pille für eine Partei, die laut Gründungsbeschluß "basisdemokratisch" sein wollte. Oder: "Es konnte eben nicht gut gehen, wenn unser Umgang miteinander häufig mehr Aufsehen erregte und Schlagzeilen machte, als die Ziele und Inhalte unserer Politik." Wo aber bleibt die Existenzberechtigung einer ökologischen Partei, deren Themen zunehmend von den großen Volksparteien besetzt werden? Das herkömmliche politische System in unserem Land sei ohne eine solche Partei nach wie vor unfähig zur ökologischen Wende, ist die Antwort. Schön, aber sind die Grünen diese Partei? Davon werden sie die Wähler schon bald – und nicht nur in Hessen und Rheinland-Pfalz – überzeugen müssen.

Henrik Bork