Vor vielen Jahren verließ Elfriede Müller den Litermont, einen Berg im Saarland, und zog nach Frankfurt in Hessen. Daraus wurde ein Stück. Es heißt "Die Bergarbeiterinnen", und das Mädchen Kali darin ist beinahe wie Elfriede Müller. Kali kann sich nicht zwischen Stadt und Land entscheiden. Eine Zeitlang lebt sie zu Hause, dann will sie wieder aufbrechen, möchte schreiben und sich "Hieroglyphen für Tatsachen" ausdenken, sie verschlüsseln und so für eine andere Zeit, eine andere Erinnerung aufbewahren. Es ist ein schnelles Fliehen, oder wie Kali sagt: "In uns und endgültig die Einsamkeit. Der richtige Sprung. Ein Schnitt."

Elfriede Müller schreibt Zeitstücke und ein wenig mehr als das. Sie ist 35 Jahre alt und lebt in Berlin. Waren es früher Hieroglyphen, die sie für vertraute Tatsachen erfinden wollte, so ist sie heute gar einer "Archäologie für später" auf der Spur, wie sie in einem Gespräch mit der Zeitschrift Die deutsche Bühne bekannte. "Wir können nur versuchen, dieses Klima zu beschreiben, denn es wird schnell verschwunden sein." Ein Jahr lang sei sie durch Ostberlin gestreift, habe Wermut und billigen Schaumwein getrunken. Sie stieß auf Menschen und Typen, machte sich unsichtbar und konnte "beinahe den Absprung nicht mehr finden". Ihr "Goldener Oktober" meint den Oktober vor einem halben Jahr und spielt auf einer "zugigen Bühne".

Sie wird von grellen Figuren bevölkert, die aufeinanderprallen und schnell aneinander verglühen. Schauplatz ist der alte Todesstreifen. Nun ist er ein einfacher Streifen, ohne Schrecken und ohne Grauen, mit einer Bar, die "New Moskau" heißt, einem Imbiß und einer einsamen Straße davor. Die Wanderer dort sind Letty und Harry, Nena und Leo, Onkel und Margot. Dahinter verbergen sich zwei Pleitegeier aus dem Westen, ein junges Ostpaar ohne Arbeit, ein braver Unternehmer und seine Margot eben. Es gesellen sich leichte Damen und andere Unterhaltungskünstler hinzu, .schlaue Türken und eifrige Sozialarbeiterinnen, arme Ostler und radikale Neonazis, kurzum all jene, die man sich für ein bewegendes Volksstück unserer Zeit herbeiwünscht. Sogleich wird gefeiert und gesungen, getanzt und gestritten, in bunter Folge, ein wenig durcheinander vielleicht, so, wie es den Tatsachen entspricht, die sich der Dramatikerin in unruhigen Oktobernächten offenbarten, dort, wo einst die Mauer war. Unerhörte Begebenheiten gibt es keine. Ein (allzu) menschliches Spielchen ist es dafür, schnell erkennbar und von kurzem Atem. Alle haben etwas zu sagen, und wer etwas zu sagen hat, meint, was er sagt. So plätschern sie dahin, die Themen aus den Tagesthemen, von Geschäftsmoral bis Depression, von Eigennutz bis Eigensinn. Und schließlich weiß man gar nicht mehr, wer wo hingehört, wo Ost ist und wo West, so ähnlich sind sich auf Dauer steife Trabispäße und müde Kapitalistenkalauer.

Ein graues Einheitsfest wäre es geworden, wenn Elfriede Müller das traurige Ereignis nicht um ein paar illustre Gestalten bereichert hätte: das Mädchen Silke nämlich und einen Kaufhausdetektiv. Der Detektiv ist ein Detektiv, aber auch ein wenig mehr als das. Er phantasiert von fernen Himmeln und Kometenmenschen, möchte als "graue Masse durchs All" geistern, dabei von niemandem entdeckt, geschweige denn beschrieben werden. Als er sich zu erkennen gibt, wird Silke als Diebin entlarvt ... und wird von ihm verschont. Nun schaut er ihr beim Strippen bei der Bar zu und irrt mit ihr über die zugige Bühne, die Claudia Billourou für das Landestheater Tübingen entwarf: ein mausgraues Etwas aus rundem Tuch und grauem Mobiliar, ein einziger trister Farbfleck, mehr nicht. Darin bemühen sich Lothar Bobbe und Cristin König, mehr als zwei triste Farbflecken zu sein. Die Dichterin eilt ihnen mit einigen verschlüsselten Versen zu Hilfe, die bei näherem Hinsehen zwei Väter des modernen Volksstücks zitieren: Horváth und den jungen Brecht. Mitunter wird einer von beiden lebendig. Dann träumt Silke davon, wie Valeska Gert zu tanzen, schwärmt von Jahrmärkten und Zuckerwatte, schaut ihren Detektiv mit stillen Augen an und sagt: "Sie waren eben ganz anders." Und jener ist ganz ratlos, will seinen kahlen Kopf verstecken und meint: "Das war nicht ich. Ich bin eine Enttäuschung." Es klingt wie vor sechzig Jahren, als Kasimir abgebaut wurde und seine Karoline von Flügeln träumte, die sie irgendwohin tragen würden. Es ist so anrührend und einfach wie bei Horváth.

Ganz anders ergeht es dem jungen Brecht. Nun hüpft Cristin König von einem Bein aufs andere, nestelt fiebrig mit den Händen und läßt die Augen schwirren. Es ist das übliche Irren und Wirren. Sie erzählt von der roten Rosa auf der Mühlendamm-Brücke. Es wird ihr ganz expressionistisch ums Herz, und das Wasser kommt ihr gar wie eine "schwarze Salbe" vor. Das klingt dann weder glücklich noch geglückt, zumal wenn Lothar Bobbe dankbar in das hitzige Spiel eingreift, sich mit Peter Lorre vergleicht und seiner Partnerin so herzlos wie einst der Mörder "M" den Hals zudrückt. Derweil läßt er ein paar Worte in der heiseren Kehle ersterben: "Sing, Schneevögelchen, sing!"

Und so erfindet Elfriede Müller eine Hieroglyphe nach der anderen, bedient sich munter bei ihren Vorbildern und verliert sich selber vollends aus den Augen dabei. Das Desaster ist endgültig, wenn all die Paare vom Anfang Silke und Detektiv spielen dürfen, Trommeln in der Nacht rühren, durch Berliner Straßen ziehen und ihre eigenen Nöte beklagen. Regisseur Dieter Bitterli wirkt dann wie ein armer Chirurg, der sezieren und sezieren muß, ohne kurieren zu können. Fror er das platte Sittengemälde anfangs in eisige Bilder ein, so muß er schließlich hilflos vor dem Seelenfieber der Figuren kapitulieren. Die Regiekunst versinkt in einem Meer von Tränen, das Publikum sieht es mit Bedauern.

Ach, wie schön wird es sein, wenn Elfriede Müller sich einmal für eine einzige Sprache entscheiden wird. Wie wundersam werden dann ihre Hieroglyphen glänzen. Sie werden unsere Neugierde wecken, und wir werden uns unsichtbar machen. So werden wir ihre Rätsel lösen und uns in ihnen wiederfinden. Bis es soweit ist, muß ihr Geheimnis einer fernen Nachwelt vorbehalten bleiben. Ulrich Herrmann