Von Otto Köhler

Wir schreiben den 7. April vor genau fünfzig Jahren. Otto Ambros, ordentliches Vorstandsmitglied aus dem BASF-Zweig der I.G. Farbenindustrie AG, hält die Gründungsrede für das neue gigantische Unternehmen: „Die I.G. Farbenindustrie hat mit dem Projekt Auschwitz einen Plan zu einer neuen Werksgründung größten Ausmaßes entworfen.“ Sie ist entschlossen, „unter Einsatz ihrer besten Kräfte ein lebendiges Werk aufzubauen“. Und sie will alle Kräfte dafür einsetzen, daß die I.G. Auschwitz zu einem „festen Eckpfeiler wird für ein gesundes Deutschtum im Osten“.

Otto Ambros – aus ihm wird nach 1945 noch viel werden: anerkannter Kriegsverbrecher (acht Jahre Gefängnis mit vorzeitiger Freilassung), Mitglied, vielfach auch Vorsitzender des Aufsichtsrats von dreizehn bundesdeutschen Unternehmen wie Feldmühle, Telefunken oder Chemie Grünenthal, Berater von Adenauer, Flick und dem US-Industriellen J.P. Grace –, dieser Wehrwirtschaftsführer und I.G.-Giftgasexperte Otto Ambros hat beim Gründungsakt am 7. April 1941 die entscheidende Zusage in der Tasche, die am Ende 30 000 Tote kosten wird. Auf Antrag des I.G.-Aufsichtsratsvorsitzenden (und „Generalbeauftragten für Chemische Erzeugung“) Carl Krauch hatte Heinrich Himmler am 26. Februar angeordnet, „das Bauvorhaben durch Gefangene aus dem Konzentrationslager in jedem nur möglichen Umfange zu unterstützen“.

Das garantiert der Lagerkommandant SS-Sturmbannführer Rudolf Höss – er wurde 1947 gehängt –, der nach dem Gründungsakt den I.G.-Leuten zu Ehren ein Festmahl gibt. Otto Ambros schreibt am 12. April 1941 seinen Vorstandskollegen: „... und außerdem wirkt sich unsere neue Freundschaft mit der SS sehr segensreich aus“.

Zwei Monate später, im Juni 1941, bekam Freund Höss nach seiner eigenen Aussage von Himmler den Auftrag zur Judenvernichtung. Die richtige Methode der Massentötung war ihm allerdings noch nicht recht klar. „Im Sommer 1941“, so sagte er 1946 aus, „wurde ich von der I.G. Farbenindustrie eingeladen, deren Anlagen in Leuna und Ludwigshafen. zu besuchen, um mich mit dem Herstellungsverfahren von synthetischem Benzin bekannt zu machen.“ Möglicherweise lernte er noch andere I.G.-Produkte kennen. Höss 1946 vor Gericht: „Als ich ... das Vernichtungsgebäude in Auschwitz errichtete, nahm ich Zyklon B in Verwendung, eine kristallisierte Blausäure, die wir in die Todeskammer durch eine kleine Öffnung einwarfen ... Wir wußten, wann die Menschen tot waren, weil ihre Schreie aufhörten. Wir warteten gewöhnlich ungefähr eine halbe Stunde, bevor wir die Tür öffneten und die Leichen entfernten. Nachdem man die Körper herausgeschleppt hatte, nahmen unsere Sonderkommandos den Leichen die Ringe ab und zogen das Gold aus den Zähnen dieser Leichname.“

Zyklon B war eine Erfindung der I.G. Farben und wurde von der Degesch produziert, der Deutschen Gesellschaft zur Schädlingsbekämpfung, an der die I.G. Farben beteiligt war. So konnten auch die Zwangsarbeiter, die nicht mehr brauchbar waren für die Weiterarbeit am I.G.-Pfeiler für ein „gesundes Deutschtum im Osten“, durch eine I.G.-Erfindung vernichtet werden. Den ersten erfolgreichen Versuch mit Zyklon B unternahm Höss am 3. September 1941 mit 898 Häftlingen und Kriegsgefangenen, nachdem sein Stellvertreter bereits Ende August mit Zyklon B an Kriegsgefangenen experimentiert hatte.

Genau 49 Jahre später, am 31. August 1990: Ich sitze in der alten I.G.-Zentrale am Main im Frankfurter Hof. Um mich herum beglückwünschen sich die Aktionäre der „I.G. Farbenindustrie in Abwicklung“ auf ihrer alljährlichen Hauptversammlung. In Berlin war soeben der Einigungsvertrag unterzeichnet worden. Und die Aktionäre sind von Herzen froh über die demnächst zu erwartende Beute.