Von Tilman Spengler

Leichtgefallen ist es ihnen nie, den chinesischen Philosophen und Literaten, so ganz einfach nur von sich selbst zu erzählen. Die Gesellschaft und die Konventionen, die Ordnung also, sie beharrten auf der Konformität und mißbilligten den Ausbruch, sie pflegten den Präzedenzfall und ahndeten den Regelverstoß. Trat der einzelne an die Öffentlichkeit, dann tat er gut daran, sich an jene Maske zu erinnern, die „das Gesicht“ genannt wurde. Dieses Gesicht galt es unter allen Umständen zu wahren, gegenüber den Herrschern und Lehrern, gegenüber Ahnen und Nachkommen.

Gewiß, es gab Zeiten, in denen der „Druck der korrekten Ausrichtung“ ein wenig nachließ. Verschiedene heterodoxe Glaubensbekenntnisse brannten immer wieder Freiflächen in das starre Gefüge. In der Exzentrik des Daoismus und in der Weltabkehr des Buddhismus konnten Fluchten unternommen werden, die wenigstens die Bedingungen zur vorsichtigen Absonderung von der offiziellen Ziviltheologie garantierten. Damit sei nicht gesagt, daß es dort weniger streng rituell zuging. Aber es galten eben andere Regeln. Und schon das konnte befreiend wirken.

Auf dieses, mit sehr grobem Pinselstrich gezeichnete Bild der chinesischen Kulturgeschichte haben sich chinesische und nichtchinesische Historiker des Reiches der Mitte in der Vergangenheit recht gut verständigen können. Natürlich hat sich die Zunft über Bewertungen gestritten. Hatten die bürgerlichen Kollegen nicht die enorme Sozialdynamik mißachtet, die in den gewaltigen Aufständen der Bauern, dem wilden Treiben der Piraten, den revolutionären Frauenbatallionen lag? Taten sich nicht gerade unter den chinesischen Alchimisten, den „Protowissenschaftlern“, jene Züge des individuellen Zweifels hervor, die sich als so produktiv für die abendländische Geistesgeschichte erwiesen haben?

Da gab es gewiß Raum für Zweifel, vielleicht hat man die eine Figur falsch bewertet, die Bedeutung einer anderen Periode verkannt, ein wichtiges Buch falsch interpretiert. Möglich ist das natürlich immer bei einer so reichen Kulturgeschichte. Doch die Beispiele gegen den Trend, gegen das allgemein eher verbindliche Bild einer „antiindividualistischen“ chinesischen Kultur, bleiben in aller Regel Ausnahmen.

Wolfgang Bauers monumentales Werk über die individualistischen Züge der chinesischen Kultur bringt die Schulmeinung nicht mit einem Krachen zum Einsturz, sie zeigt nur deren Borniertheit und fordert auf eine listige und eine lockende Weise dazu auf, die bekannten Texte neu zu lesen und viele unbekannte Werke als das zu würdigen, was sie sind: als Bekenntnisse einer individualistischen Tradition, die es eben auch gab – und zwar in bislang unterschätzter Fülle.

Die literarische Entdeckung des Ich war – fast möchte man sagen: selbstverständlich – eine Schmerzgeburt. Es bedurfte einer Krise, die den Verfasser der Autobiographie aus dem Selbstverständnis und dem Weltverständnis stürzte. Da wurde einer kastriert, verbannt, entmachtet, stürzte aus dem Kosmos der Gesellschaft und der Behaglichkeit eines nicht schlecht dotierten Beamtenlebens und beschloß dann, sich nicht als Fall, sondern als Einzelschicksal zu begreifen und darzustellen. Das konnte im zweiten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung passieren oder vierhundert Jahre später. Er hätte den Strick genommen, schrieb einer der Ausgestoßenen – der legendäre Begründer chinesischer Geschichtsschreibung doch er trage noch Ideen „in seinem inneren Herzen“, die durch einen Selbstmord der Nachwelt nicht bekannt werden könnten. Also hielt er fest am Leben, an der eigenen, individuellen Existenz – gegen alle möglichen Gebote der Schicklichkeit, der gesellschaftlichen Norm.