Von Christoph Bertram, Nina Grunenberg und Werner A. Perger

ZEIT: Herr Bundeskanzler, Sie haben in Ihrem politischen Leben schon viele Berg- und Talfahrten erlebt. Einsamen Höhepunkten folgten katastrophale Niederlagen. Wie lange wollen Sie das noch machen? Oder unterschätzen wir Sie mit dieser Frage schon wieder?

Kohl: Sie unterschätzen mich, solange ich mich erinnern kann. Aber ich lebe ganz gut damit.

Ich bin jetzt achtzehn Jahre Vorsitzender der Bundespartei. Wenn ich alle katastrophalen Prognosen aus dieser Zeit zusammennehme, schaue ich mir meine Zukunft mit großer Ruhe an.

Wie lange ich das noch mache, weiß ich nicht. Ich bin keine Spur von amtsmüde, sondern fühle mich – wie man heute mit einem Modewort sagt – motiviert wie selten zuvor in meinem Leben. Denn ich kann im Moment an der Realisierung eines Traumes mitwirken, den ich seit meiner Schülerzeit hatte.

ZEIT: Der Traum Deutschland und der Traum Europa?

Kohl: Als ich Ende 1946 zur CDU und zur Jungen Union kam, haben wir angefangen, von deutsch-französischen und europäischen Visionen zu reden. Wir haben uns 1948 mit jungen Franzosen an der deutsch-französischen Grenze getroffen, haben Lieder gesungen und geglaubt, so könnten wir Europa schaffen. Die Idee von der deutsch-französischen Aussöhnung und von Europa war für mich immer ein ganz wichtiges Anliegen.