Juristen haben Mut, wenn sie den Rat von Fachleuten in den Wind schlagen. In ihrer Beweiswürdigung, so der Fachausdruck, sind Richter frei. Ob diese Freiheit auch immer zu richtigen Entscheidungen führt, darf man, angesichts eines Urteils des Berliner Oberverwaltungsgerichtes (AZ 5 S 124.89) bezweifeln. Zweifel hat der Bremer Arzneimittelforscher Peter Schönhöfer im Lancet (Bd. 337 vom 13. 4. 91) angemeldet.

Dabei ging es um die erfolgreiche Klage eines Pharmaherstellers gegen die vom Arzneimittelinstitut des Bundesgesundheitsamtes (BGA) verfügte Zurücknahme eines Medikamentes. Die zur Behandlung von Gelenkentzündungen aus Tierorganen hergestellten Injektionslösungen wurden mit teilweise tödlich verlaufenden allergischen Reaktionen in Verbindung gebracht. Ein therapeutischer Nutzen der schon lange umstrittenen Knorpelschutz-Präparate ist nicht nachweisbar.

Und hier liegt das Problem. Kein medizinisches, mehr ein juristisches. Im Arzneimittelgesetz von 1978 ist der Begriff „Wirksamkeit“ nicht definiert. Bis 1978 konnten alle Arzneimittel ohne Nachweis der Wirksamkeit zugelassen werden. Noch heute gibt es über 100 000 Medikamente von deren Wirksamkeit nur der Hersteller überzeugt ist. Mehr als fünf Milliarden Mark geben wir jährlich für die angeblichen Heilmittel mit zweifelhafter Wirkung aus. Viele unerwünschte Arzneimittelwirkungen nehmen wir in Kauf.

Diese unnötige Geldausgabe ist ärgerlich. Besonders dann, wenn den Krankenkassen, wie jetzt in den neuen Bundesländern, das Geld für wirksame Arzneimittel knapp geworden ist. Aus einem weiteren, nicht weniger triftigen Grund beklagt Peter Schönhöfer die Entscheidung des Gerichtes, das Präparat wieder freizugeben. Sie trage dazu bei, daß der Qualitätsstandard deutscher Medikamente absinken könne, wenn die Zulassung lasch gehandhabt würde.

Denn ein Wirksamkeitsnachweis mit modernen Prüfmethoden sei bei „älteren“ Arzneimitteln nicht zumutbar, hat das Oberverwaltungsgericht dekretiert. Von der Schädlichkeit des Präparates zum Knorpelschutz waren die Richter nicht zweifelsfrei überzeugt, da die vom Hersteller des Medikamentes zur gutachterlichen Hilfe gerufenen Rheumatologen nur über ihre „günstigen Erfahrungen berichten konnten“.

Hans Harald Bräutigam