Von Daniel Vernet

PARIS. – Für einen ehemaligen Deutschlandkorrespondenten, der vier Jahre in Bonn zugebracht hat, versteht sich die Antwort so gut wie von selbst: Die Regierung muß nach Berlin. Die Angelegenheit ist dennoch nicht so einfach, wenn sie auch in Frankreich kaum die Gemüter erregt. In der Diskussion, die sich seit der Wiedervereinigung entwickelt hat, müssen emotionale Argumente berücksichtigt werden, wie zum Beispiel: Bonn symbolisiert Deutschlands demokratischen Neuanfang und Berlin seine imperialistische Vergangenheit.

Wie immer, wenn es um seinen Nachbarn geht, zeigt Frankreich widersprüchliche Reaktionen. Auf der einen Seite wird Berlin oft als frühere Reichshauptstadt bezeichnet, auf der anderen können die Franzosen – Jakobiner, die sie sind – nicht verstehen, daß eine große Nation nicht auch eine glanzvolle Hauptstadt hat, mit einer reichen Vergangenheit und einer kulturellen Tradition, die über die Landesgrenzen hinausgeht.

Auch in Frankreich hat sich der Begriff „föderales Dorf“ für Bonn breitgemacht; eine kleine Hauptstadt für ein gespaltenes und in Länder aufgeteiltes Land, um ihm jeglichen hegemonialen Traum auszutreiben; ruhig, kleinbürgerlich, ein „politischer Zwerg“ ohne große internationale Ambitionen. Bonn demonstriert aufs deutlichste, daß Deutschland nicht mehr Erbe Preußens ist, das in weniger als hundert Jahren Frankreich dreimal den Krieg erklärt hat. Die kleine Stadt am Rhein ist der Hinweis auf vierzig Jahre exemplarisch ausgeübter Demokratie und der westlichen Verankerung Nachkriegsdeutschlands.

Trotzdem wäre es ungerecht, die Behauptung nun einfach umzukehren und Berlin vorzuwerfen, ihm würden all die Tugenden fehlen, die Bonn besitzt. Das wäre um so unangebrachter, weil sie den Analogien mehr Platz einräumt als den Analysen und weil es ein wenig naiv wäre zu glauben, daß die Deutschen ihre vermeintlichen Dämonen leichter bezwingen könnten, weil sich der Bundestag in einem ehemaligen Wasserwerk versammelt und nicht im Reichstag.

Wenn sich die Kommunikation – wie zu Beginn des 19. Jahrhunderts – an der Geschwindigkeit eines galoppierenden Pferdes messen ließe, wäre vielleicht die deutsche Sicht Europas von Berlin anders als von Bonn. Aber heute hat die Geographie ihre Bedeutung verloren. Das Europa aus deutscher Sicht wird vom Ufer der Spree nicht anders aussehen als vom Rheinufer. Europa wird sein, was die Deutschen und ihre Regierung aus ihm machen wollen.

Das ist entscheidend. Die Frage, die sich die Franzosen stellen, ist, ob das vereinigte und souveräne Deutschland immer noch dieses vereinte Europa will, nach dem es mit allen Kräften verlangte, als es noch geteilt und auf internationaler Ebene unmündig war. Willenserklärungen allein reichen nicht aus; Taten müssen folgen, Versprechen und Termine eingehalten, Verpflichtungen getragen werden.