Von Heinz Josef Herbort

Ich gehe in ein anderes Blau

Rolf Dieter Brinkmann

Se vuol ballare Signor Contino, il chitarrino le suonerò: Das Angebot des Kammerdieners Figaro, wenn der Herr Graf tanzen wolle, ihm dazu das Gitarrchen zu spielen, scheint unverfänglich – es erfüllt die übliche Nebenverpflichtung eines Bediensteten im Rahmen des feudalistischen Alltags. Walter Felsenstein freilich übersetzte 1960 die Stelle wieder im Sinne einer aufklärerisch aufbegehrenden Stimmung von 1783 so: „Will der Herr Graf den Tanz mit mir wagen, mag er’s nur sagen, ich spiel’ ihm auf.“ Plötzlich enthält das Menuett-Allegretto in Mozarts Cavatina revolutionäre Töne.

Die „Fenster zu Mozart“, durch die John Neumeier in seinem jüngsten Hamburger Ballettabend auf den Jubilar des Jahres blicken läßt, zeigen keinen Revoluzzer. Da wird einem blutlosen Leopold (Ralf Dörnen) ein eher scheuer Sohn geboren, der bald schon nachzumachen versucht, was er an seiner Umgebung bemerkt; der unter der penetranten Führung des Alten seine Exerzitien macht, aber schnell, dank auch des Eingreifens der „Musik“ (exzellent Anna Grabka und Gamal Gouda), anderes zustande bringt als das formalistische Getue seines Umfeldes; der mit seiner Cousine (keck-vital Gigi Hyatt) herumbalgt und albert, aber auch mit der angepaßteren Schwester (Jessica Funt) manierlich sein Talent zeigt; der langsam ein Mann wird, beispielsweise seine Emotionen entdeckt; der immer wieder in die Mühlen von Beziehungen gerät, zum Vater, zur Frau, zu sich selber; der früh schon dem Tod (dem „grauen Boten“, eindrucksvoll von Anders Hellström) ins Gesicht zu blicken hat – chancenlos; der schließlich „in himmlischer Bläue“ das Elysium-Fest mitfeiert, schwerelos und beschwerdenfrei: der Götterliebling, wie ihn die Musikanten-Hagiographie immer wieder und immer noch gern sieht.

Ein Gottgleicher in fünf Personen: das Wunderkind (Radik Zaripov), Wolfgangerl (der quicklebendige Patrick Becker), Wolfgang Amadeus (ein nachdenklicher Jean Laban), Wolferl (Eric Miot), W. A. Mozart (der tragische Ivan Liska). Das leuchtet noch ein: Blicke in fünf Stationen eines Lebens – und am Ende fügen sich diese fünf zusammen zu einer Existenz der besonderen Art, zu fünf heterogenen Verhaltensweisen eines vielschichtigen Individuums, eines hochsensiblen Überfliegers und kreativen Außenseiters. Fünf Personen, die nicht nur nach oder zu der Musik des Dargestellten tanzen, sondern denen auch andere aufspielen dürfen: Reger und Beethoven, Alfred Schnittke und Wolfgang von Schweinitz.

Aber da beginnt bereits die Problematik. Das Wunderkind entpuppt sich hier keineswegs als das frühreife Talent, das mit eigenen Sonaten(sätzen) für Klavier und Violine an Adelshöfen und in Klöstern, in Paris, London oder im heimischen Salzburg Aufsehen erregte, sondern – und das ist vermutlich nicht aufklärerisch gemeint – als das Produkt eines cleveren Vermarkters: Das Klavierkonzert KV 39, das die erste Szene musikalisch trägt, haben ja Vater und Sohn gemeinsam, die Wissenschaft weiß das seit achtzig Jahren, aus drei Sonatensätzen der in Paris arbeitenden deutschen Komponisten Hermann Friedrich Raupach und Johann Schobert abgekupfert. Die Briefe, die der 21jährige mit seiner Augsburger Base Maria Anna Thekla wechselte, lesen wir noch heute mit Vergnügen. Daß freilich zu dieser nicht ganz salonfähigen Art der Kommunikation oder zu den Albernheiten der Geschwister die „Moz-Art“ von Alfred Schnittke assoziiert wird, daß später die vehementen, weil die Grundlagen der Existenz betreffenden Auseinandersetzungen zwischen Vater und Sohn durch die vom tonalen Motiv zu dissonanten Tonballungen fortschreitenden Variationen op. 12 von Wolfgang von Schweinitz begleitet werden, entspricht jenem landläufigen Verständnismodell, demzufolge zeitgenössische Musik nur zur Illustration zweier Extreme tauglich ist: des Absurden, Skurrilen hier und des Unerträglichen, Schroffen und Provozierenden dort.