Zähe Verhandlungen um einen Raubmord – zwei Sinti-Familien vor Gericht

Tübingen

Dies ist eine Geschichte, die am Lagerfeuer beginnt und im Gerichtssaal endet. Sie handelt von Schätzen, von Totschlag und von Verrat. Es ist eine Zigeunergeschichte. Viele Zigeunergeschichten beginnen am Lagerfeuer und enden vor Gericht.

Die Nacht auf den elften September 1989 war klar und spätsommerlich warm. Der Mond schien über dem Neckartal, und in das Rauschen des Flusses mischte sich nur das Knacken von verbrennendem Holz. Um das Feuer auf dem Lagerplatz bei Neckartailfingen saßen zwei Frauen und drei Männer aus der großen Sinti-Familie Schneberger. Manche rauchten noch ein Pfeifchen, und sie erzählten sich, wie der vergangene Tag gelaufen war. Die Schnebergers handeln mit Teppichen, Lederbekleidung und Pelzen, doch wollten die Waren den sparsamen Schwaben offensichtlich nicht recht gefallen. Jedenfalls klagten die Männer über zähe Verhandlungen, die am Ende nicht viel Geld eingebracht hätten.

Da ergriff eine Frau das Wort und berichtete von ungeheuren Schätzen, von Goldbergen und Geldscheinen, die sie in der Wohnung eines Juweliers im nahe gelegenen Schwarzwaldstädtchen Nagold gesehen habe. Der Mann sei zudem schon alt und schwerhörig. Ein leichtes Spiel also für ein paar starke Sinti-Männer. Von einem Lagerplatz des Nachbarortes wurde noch in der Nacht ein Mitglied aus der Zigeunerfamilie Kiowski herbeigeholt. Zu viert brachen die Männer am Morgen nach Nagold auf.

Blutlachen in der Wohnung

Als die jugoslawische Putzfrau Paula Magdic gegen 17 Uhr die Wohnung des Nagolder Juweliers säubern wollte, fand sie Eberhard Bossert in einer Blutlache liegend. Später gab sie bei der Polizei an, es habe ausgesehen, "als ob ein Schwein geschlachtet wurde": Blut in der Küche, Blut im Flur, Blut im Wohnzimmer. Dem 52 Jahre alten, an Multipler Sklerose leidenden Mann konnte niemand mehr helfen. Am 8. Oktober 1989 um 3.27 Uhr starb er in der Chirurgischen Universitätsklinik in Tübingen an den Folgen der Schläge, die ihm in seiner Wohnung zugefügt worden waren.