Nun geht es uns in Hamburg eigentlich überhaupt nichts an, was etwa im Herzen der Weltstadt München geschieht, und auch die Leser unseres Weltblatts von Alaska bis Tasmanien – in östlicher Richtung! – interessiert im Augenblick von den deutschen Städten ohnehin nur Bonn oder Berlin, Bonn oder Berlin. Was zählen da noch ehemals ehrwürdige und interessante deutsche Metropolen wie Hamburg, wo übrigens Lessing mehrere Jahre wirkte, und München, die geliebte Heimat eines entfernten Onkels von mir?!

Dennoch, wie die Existentialisten sagen, dennoch müssen wir an dieser Stelle ganz kurz einen ganz langen Streit streifen, der in Bayerns Hamburg die Gemüter erregte und erregt und den auch wir hier aus der Ferne, zumeist durch das vorzügliche Okular der Süddeutschen Zeitung, detailscharf mitverfolgen konnten. Der Zank tobt um den Marienhof, einen weiten Platz hinter dem Münchner Rathaus: Soll er nun verschärft toupiert, zart randumbaut und turbo-urban verdichtet werden – oder einfach nur grasgrün und still verwaldet wie das Allgäu vor sich hin schnarchen? Ein neoschwabinggeiles Modell schwebt im Raum, das auch bereits Konsensfähigkeit demonstriert: in der Mitte, quasi als Konzession an die Ökofreunderln, nichts als Alm, drum herum aber, im Süden und Norden des Platzes jedenfalls, Glasgalerien für dies und das, für das Fremdenverkehrsvereinsbüro und Ausstellungen – und was es sonst noch gibt an Quatsch, mit dem man überflüssige Räume aus Glas füllen kann.

Jawohl: Quatsch. Und damit sind wir bei dem sozusagen überregionalen, zumindest die kleine Welt zwischen Dresden und Düren tangierenden Aspekt dieser Monacensie. Denn, o Horror vacui!, viele Städte hierzulande haben, ähnlich wie München, ein irgendwie gestörtes Verhältnis zu freien Flächen. Der leere Ort bleibt, falls er nicht ohnehin Straßenkreuzung oder potentielles Bauland ist, entweder zur Strafe Parkplatz, oder aber er wird stadtraumpflegerischer Zwangsbehandlung unterzogen.

So sind, was die erste Variante betrifft, selbst klassisch schöne Plätze wie jener vor Würzburgs Residenz oder wie die beiden wundervollen Plätze zu beiden Seiten der Passauer Kathedrale besinnungs- und erbarmungslos autovandalisiert und zugeblecht – nicht anders als einstmals stille Stadtwinkel wie der Jacobikirchhof und der Heuberg in Hamburg oder auch letzte Oasen in kriegszerstört-wiederaufbauverwüsteten Städten wie die Plätze um den Dom in Osnabrück.

Oder aber man gestaltet – selbst da, wo ein historischer Rahmen (eine Kirche, eine alte Häuserzeile) die leere Fläche hält. Da wird dann ziergepflastert und kübelbepflanzt, mit gußeisernen Pföstchen und Laternchen und ähnlichen Schönheitspflästerchen herumgewarzt, da wird dann abgestuft und angeschrägt, daß es am Ende scheint, als läppten fünf Häkeldeckchen übereinander – und mittendrin schießt schließlich noch der unvermeidliche Pavillonpilz aus dem Boden, verglast, verchromt und exklusiv sinnlos. Ausstellungsräume für den Marienhof – als hätte nicht just München heute schon mehr Museumsparkett, als 1 rüstiger Alpenwanderer in 1 Jahr bezwingen kann!

Dabei ist es doch so einfach. Was braucht es denn mehr als ein paar Tische vor dem Café an der Ecke, als ein Rudel Kastanien für die Amseln und die Zamperln, als ein paar Eisenstühle zum Zeitunglesen, als ein paar bequeme Bänke, wo die Alten sitzen und über die Sozis und die Neger schimpfen können, als eine Schach-Ecke, als ein flaches Wasserbecken in der Mitte, in dem kleine Jungs mit Segelohren ihre Bötchen schwimmen lassen – und weißen Kies, natürlich, das wäre wahrer Luxus, weißer Kies, der unter den Füßen knirscht! Dazu zwei schöne Denkmäler noch, Statuen, wenn ein Stifter sich bitt’ schön findet, für die Tauben: rechts, in Marmor, Erich Mühsam, links, in Bronze, Franz Josef Strauß.

Ja, so wünsche ich mir den Marienhof – und alle Marienhöfe unseres nunmehro in Gott wiedervereinigten lieben Vaterlandes.

Benedikt Erenz