Von Karl-Markus Gauß

Die Wiener Gymnasiallehrerin Inge Merkel war sechzig, als sie ihren ersten Roman veröffentlichte, ein kühn erfundenes und verwegen gestaltetes Werk, jugendlich undiszipliniert und in seinem Zugriff aufs Ganze mutiger als all die wohlerzogenen Etüden, an welchen sich die meisten der jüngeren, in früher Kunstfertigkeit erblaßten Schriftsteller üben.

Seit dem in Stil und Vorsatz ganz eigenartigen Erstling "Das andere Gesicht" sind acht Jahre vergangen, in denen sich Inge Merkel mit noch drei Romanen, keiner unter vierhundert Seiten lang und keiner mit Geringerem befaßt als mit Generalfragen der abendländischen Kulturgeschichte, einen beachteten Platz in der Gegenwartsliteratur erschrieben hat. Während die Kritik, selbst wo sie Einwände gegen ihren ungezügelten Fabulierdrang oder ihre gelegentlich schier überbordende Sprache formulierte, einhellig die bizarre Erfindungsgabe und das hohe artifizielle Vermögen der Autorin rühmte, hat sie selbst die "Natürlichkeit" ihrer Arbeiten betont: "Ich schreibe so, wie ich persönliche Briefe schreibe", meinte sie unlängst in einem Interview, und: "Ich bin mir durchaus bewußt, daß das, was ich mache, nicht den Namen ‚Kunst‘ verdient."

Das mag der Bescheidenheitstopos einer Frau sein, die über Jahrzehnte hin schrieb, ohne an Veröffentlichungen zu denken – das erste Manuskript brachten Verwandte ohne ihr Zutun zum Verlag –, und die immer wieder hervorhebt, ihr sei zwar das Schreiben, nicht aber das Veröffentlichen eine existentielle Notwendigkeit. Sicher ist, daß Inge Merkel (Luxus einer Autorin, die die Literatur erst zu ihrer Hauptsache machte, als sie eben das Pensionsalter erreichte) keine Gelegenheitsarbeiten oder Nebenwerke veröffentlicht, sondern mit jedem neuen Buch – alles will.

"Das andere Gesicht" so sehr wie "Die letzte Posaune" (1985), "Eine ganz gewöhnliche Ehe" (1987) nicht minder als das eben erschienene "Große Spektakel" – jeder Roman Inge Merkels ist als großer Wurf angelegt und drängt schon von der Wahl des Stoffes und erst recht in der Manier, die Romanform als Gelegenheit zum essayistischen Exkurs über Gott und die Welt zu nutzen, nach höchsten Zielen. Eben darin, in dieser Unverdrossenheit, sich literarisch erst gar nicht länger bei den Kleinigkeiten des Lebens aufzuhalten, sondern zu den großen Menschheitsfragen vorzustoßen, liegen Größe und Grenze der Erzählerin Inge Merkel: Gibt sie doch der Literatur die hohe Bestimmung zurück, ein geistig-ästhetischer Versuch über die letzten Dinge zu sein – und treibt sie die Autorin andererseits nicht selten dazu, von diesen allzu beredt berichten zu wollen.

Ohne den Brückenschlag von antiken Fruchtbarkeitsriten zu aktuellen Unfruchtbarkeitsposen, von der Artemis von Ephesos zur sexualverdrossenen Jugend von heute tut sie es nicht, und selbst wo Inge Merkel "Eine ganz gewöhnliche Ehe" darzulegen verspricht, sind es immerhin Odysseus und Penelope, von deren Beispiel die ehemalige Lehrerin für Geschichte und Latein ohne ängstliches Zaudern vor der mythischen Übergröße berichtet.