Von Roger de Weck

Die Mark hat an Kraft verloren. In den vergangenen Wochen büßte sie gegenüber dem Dollar gut ein Fünftel ihres Wertes ein. Der Kursverlust deutet auf einen Vertrauensverlust hin. Nicht nur die Deutschen in Ost und West, sondern auch die Ausländer sehen jetzt deutlicher, was auf die Bundesrepublik zukommt: eine langwierige Belastungsprobe.

Der Staat wird sich unentwegt verschulden müssen; die Regierung wird die Steuern eher erhöhen als senken; die Bundesbank zu Frankfurt wird es in ihrem Kampf gegen die Teuerung nicht leicht haben; die Wirtschaftsforschungsinstitute werden eine Zeitlang – wie soeben in ihrem Frühjahrsgutachten – eine schwächere Konjunktur vermelden; die Wirtschaft wird viel Geld und viele Mitarbeiter für den Aufbau im Osten statt für den Ausbau ihrer Stellung auf dem Weltmarkt einsetzen. So denken jedenfalls unzählige Investoren, die der deutschen Währung plötzlich die amerikanische vorziehen.

Es ist kein Trost, sondern im Gegenteil ein zusätzlicher Hinweis auf die Schwächung der Bundesrepublik, daß der nunmehr so gefragte Dollar eigentlich keine überzeugende Alternative zur Mark darstellt. Mit der Wettbewerbsfähigkeit, dem Wachstum und erst recht den öffentlichen Finanzen ist es in Deutschland weit besser bestellt als in den Vereinigten Staaten. Ein wirklich starkes Amerika hätte keinen Anlaß gehabt, die Deutschen zur Senkung ihrer Zinsen zu drängen, damit die Unternehmen dank billigerer Kredite mehr investieren und so die weltweite Konjunktur beleben.

Beim Treffen der sieben wichtigsten Industriestaaten haben am vergangenen Wochenende Bundesfinanzminister Theo Waigel und Bundesbankpräsident Karl Otto Pöhl die Amerikaner zu Recht vertröstet. Die Hauptsorge gilt in Washington der Rezession, in Frankfurt aber der Inflation, die demnächst drei Prozent übersteigen könnte. Den Preisauftrieb bremsen nicht niedrigere, sondern höhere Zinsen.

Obwohl der Höhepunkt des deutschen Wirtschaftsbooms überschritten ist, hat Pöhl als Hüter der Stabilität durchaus Grund zur Beunruhigung. Die Baisse der Mark verteuert die Einfuhren. Sowohl die staatliche Schuldenwirtschaft als auch die Anhebung von Steuern und Beiträgen zur Sozialversicherung werden sich im Preisindex niederschlagen. Lohnerhöhungen von sechs Prozent und mehr in wichtigen Branchen der westdeutschen Wirtschaft verstärken den Trend. Im Osten wird namentlich der Abbau von Preissubventionen zur Teuerung beitragen. Ohnehin hat sich mit der Währungsunion die Geldmenge überproportional ausgeweitet. All dies spricht gegen Zins-Zugeständnisse an die Vereinigten Staaten und belegt zugleich, wie eng der Handlungsspielraum deutscher Geld- und Finanzpolitik geworden ist.

Die Bundesrepublik ist als führende Wirtschaftsmacht in die Defensive geraten. Den vom Abschwung geplagten Partnern in Amerika wie in Europa könnte sie beim besten Willen nicht wesentlich anders und besser helfen, als sie es seit dem Beitritt der DDR mit einer starken Nachfrage nach Importgütern tut. Und: Je mehr internationale Kapitalgeber die Lust an Anlagen in deutscher Mark verlieren, desto härter wird für Bonn der Wettkampf um das weltweit knapp gewordene Geld, das man sich zur Finanzierung der Einheit borgen muß und nur dann bekommt, wenn man einen attraktiven Zins bietet. Die Vereinigung erhöht den Finanzbedarf und zehrt an der Wirtschaftskraft, so daß die Deutschen noch mehr als sonst an sich selber denken – und sich auf etwas seltsame Weise dafür rechtfertigen.