Die Deutschen nerven ihre Verhandlungspartner auf internationalen Konferenzen mit einem neuen Thema: Es müsse – so ihre Forderung – ein global burden sharing, eine gerechtere Verteilung der Lasten her. Diesen Wunsch hat Bundesfinanzminister Theo Waigel Anfang der Woche auf der Washingtoner Währungskonferenz vorgebracht, und im Juli will der Bonner Kanzler Helmut Kohl auf dem Weltwirtschaftsgipfel in London ein weiteres Mal diesen Anspruch geltend machen.

Die Idee klingt gut: Die vereinigten Deutschen nutzen ihren internationalen Einfluß, um als Vorkämpfer für eine ausgewogene Verteilung des Wohlstands in der Welt aufzutreten. Die Bonner Konservativen als Aktivisten für soziale Gerechtigkeit im Weltmaßstab? Finanzstaatssekretär Horst Köhler, der persönliche Beauftragte des Kanzlers für die Vorbereitung des Weltwirtschaftsgipfels, hat ohne jede Einschränkung recht, wenn er zu große Unterschiede zwischen Arm und Reich als Konfliktherde ausmacht.

Eine gerechte Verteilung der Lasten geht aber weit über das Ökonomische hinaus. So eröffnet sich mit der Übernahme der im Westen gültigen Prinzipien – Demokratie, Menschenrechte und soziale Marktwirtschaft als Quelle allgemeinen Wohlstandes – durch die mittel- und osteuropäischen Staaten die Chance, die Wertegemeinschaft viel weiter auszudehnen, als noch vor kurzem denkbar war. Doch das Risiko, daß die Reform im Osten wegen ausbleibender wirtschaftlicher Erfolge scheitert, ist derzeit größer, als viele im Westen wahrhaben wollen. Hilfe von außen – und die kann nur der Westen mit Kapital und Know-how leisten – kann den wirtschaftlichen Reformprozeß beschleunigen, so daß für die Bevölkerung schnelle positive Ergebnisse sieht- und spürbar werden. Dies würde die Gefahr des Scheiterns mindern.

Über die Wertegemeinschaft hinaus gibt es aber auch die „Schicksalsgemeinschaft“, die der Kanzler-Unterhändler Köhler beschwört und von der sich kein Staat der Erde, unabhängig von seiner Gesellschaftsform, ausschließen kann. Umweltschutz ist für viele sicher das augenfälligste Beispiel. Für den einzelnen weniger sichtbar, aber für alle spürbar sind die wechselseitigen wirtschaftlichen Abhängigkeiten.

Schon die von Willy Brandt geleitete Nord-Süd-Kommission hatte Ende der siebziger Jahre auf die gegenseitige Abhängigkeit und die daraus resultierenden gemeinsamen Interessen hingewiesen: „Alle Staaten werden Nutzen ziehen aus einer gestärkten Weltwirtschaft, mit Eindämmung der Inflation und einem verbesserten Klima für Wachstum und Investitionen.“ So werde ein rascheres Tempo der Entwicklung im Süden auch den Menschen im Norden zugute kommen. Umgekehrt könnten die Entwicklungsländer „am wirtschaftlichen Wohlergehen der Industrieländer nicht uninteressiert sein; denn davon hängt nicht nur deren Bereitschaft zu importieren ab, sondern auch deren Bereitwilligkeit, an einem konstruktiven Transfer von Ressourcen mitzuwirken“. Was die Brandt-Kommission damals für das Nord-Süd-Verhältnis aufschrieb, gilt heute auch für das West-Ost-Verhältnis.

Doch so richtig der Ansatz des global bürden sharing ist, so zweifelhaft ist, daß Kohl und Waigel wirklich eine neue weltweite Lastenteilung anstreben. Wer das Lied vom Teilen anstimmt, steht nicht grundlos in Verdacht, daß er Lasten abwälzen will. Darauf deutet zum einen der Adressatenkreis des Bonner Vorschlags hin, der an die zahlungskräftigen westlichen Industriestaaten – insbesondere an die Vereinigten Staaten – gerichtet ist. Ein weiteres Indiz ist die Argumentation des Bonner Finanzministers: Er begründet die Forderung nach der neuen Lastenteilung vor allem mit den deutschen Leistungen an die Sowjetunion und die anderen Länder des ehemaligen Ostblocks. So entsprächen die von Bonn allein der UdSSR seit 1989 zugesagten Zahlungen und Lieferungen von 55 Milliarden Mark einem Anteil von rund zwei Prozent des deutschen Bruttosozialprodukts. Die Leistungen an die übrigen ost- und mitteleuropäischen Staaten machten ein weiteres Prozent des deutschen Bruttosozialprodukts aus. Dies alles – so Waigel – sei nicht nur im nationalen deutschen Interesse. Und nur für die Amerikaner ist der Hinweis bestimmt, daß die deutschen Finanzierungsbeiträge für den Golfkrieg weitere 0,7 Prozent des Bruttosozialprodukts betragen.

Das unausgesprochene Postulat der Deutschen: Jetzt sind erst einmal die anderen dran, und allen voran die Amerikaner, die sich bisher mit Zahlungen an die ehemaligen Ostblockstaaten sehr zögerlich verhalten. Kein Wunder, daß Waigels Gesprächspartner ihm erst einmal die kalte Schulter zeigten.