Er war der letzte Meister des Genre-Kinos. Ob Polizei- oder Gangsterfilm, Western oder Thriller, er sah in den vorgegebenen, festen Formen keine Fesseln, sondern Fixpunkte, zwischen denen jeder nur denkbare Freiraum sich nutzen läßt. Genre-Helden, das wußte er, sind von vornherein charakterisiert. Das ermöglicht es, vom Allgemeinen schneller zum Besonderen zu kommen. In seiner Cop-Trilogie "Nur noch 72 Stunden" (1967), "Coogans großer Bluff" (1967) und "Dirty Harry" (1971) hat er das exemplarisch vorgeführt: Da wird der Kampf gegen das Verbrechen zur obsessiven, ja neurotischen Angelegenheit. Die Helden tun, was sie tun müssen. Don Siegel aber verknüpft ihr Handeln mit den Gefühlen, die dieses Handeln auslöst, und macht so sichtbar, wie schnell selbst die härtesten Burschen aus dem Gleichgewicht geraten. Die Arbeit, die für Ordnung sorgen soll in den Städten, wird zum fanatischen Krieg.

Das hat dazu geführt, daß Siegels polyphone Erzählungen allzu eindeutig verstanden wurden, daß ihn viele mit dem identifizierten, was er nur präzise beschrieben und inszeniert hatte. Dabei verstand Siegel sich als linker Liberaler. Er selbst, das wurde er nicht müde zu betonen, verabscheue exzessive Gewalt. Nur halte er andererseits auch nichts "von der schönen Maske der Unschuld". Seine Gewalt sei stets nur ein Reflex dessen, was in der Welt passiere. Bei Siegel sind die Bilder gegen die Eindeutigkeit inszeniert. Die Interpretation bleibt von der Darstellung getrennt.

Geboren wurde Don Siegel 1912 in Chicago. Mit seinen Eltern kam er früh nach Europa, nach London und Paris, wo er als Maler und Schlagzeuger arbeitete. Als er 1934 zum Film ging, begann er als Mädchen für alles bei den Warner Brothers. Er war Laufbursche und Photothekar, später Cutter und Regisseur für den zweiten Stab, schließlich Spezialist für Illusionstricks. Bekannt wurde er dann als Organisator für harte, schnelle Action, präzise photographiert, rasant geschnitten. In den frühen vierziger Jahren drehte er für Michael Curtiz, Raoul Walsh und Howard Hawks die artistischsten Kampfszenen. 1946 debütierte er mit dem Thriller "Hier irrte Scotland Yard".

"Die rote Schlinge" (1949), "Terror in Block 11" (1944), "Die Dämonischen" (1956). "Der Tod eines Killers" (1964), "Telephon" (1977), "Flucht von Alcatraz" (1979): Siegels bessere Filme hatten jene unverwechselbare Handschrift, die nur den demütigen Kinoerzählern eigen ist. Er brachte die Bilder zum Tanzen, indem er seine Mitarbeiter zu Höchstleistungen antrieb. "Spannung", sagte er, "ist wie ein dünner Draht. Man kann diesen Draht immer noch etwas länger und dünner ausziehen. ... Das Publikum muß festgehalten werden, das Interesse darf niemals absacken." Am 20. April ist Don Siegel gestorben.

Norbert Grob