Das Europa der Vaterländer, zumal jener wiederentdeckten im Osten, die ihren (Stief-)Mutterstaaten den Rücken kehren, hat es schwerer denn je. Neue Staatsvölker, vom Baltikum bis zum Balkan, sind beim eigenen nationalen Erwachen mit dem ihrer nationalen Minderheiten konfrontiert; offene Grenzen und nationalistische Abgrenzung geraten in Widerspruch und lassen nach Vorbildern Ausschau halten. Vom "Modell Südtirol" ist da mancherorts die Rede – aber der Vergleich eröffnet nur zwiespältige Perspektiven.

Mit dem Wunsch, Osteuropas Weg zur Minderheiten-Autonomie möge "nicht so langwierig und dornenvoll sein wie der unsere", hat sich am 27. April Südtirols großer alter Mann, Silvius Magnago, nach 34 Jahren vom Vorsitz seiner Volkspartei (SVP) verabschiedet. Auch neunzehn Jahre nach dem "Paket" – Abschluß, der den 280 000 Südtirolern das Eigenleben im italienischen Staat sicherte, gebe es – so klagte Magnago – "noch immer offene Punkte". Freilich sind es nur zwei von 137, wie Alois Mock, der Außenminister der österreichischen "Schutzmacht", präzisierte, als er jetzt in Bozen beim festlichen Abschiedsparteitag den Freund Magnago für den Friedensnobelpreis vorschlug. Warum auch nicht? Sogar Italiens Staatspräsident Cossiga schickte dem Südtiroler Volkstribunen für seine "edlen politischen Anschauungen" das höchste Verdienstkreuz Italiens. Was wiederum Magnago nicht daran hinderte, noch einmal einen "politischen Gaunerakt" der Regierung in Rom anzuprangern und sogar den Tiroler Sprengstoffterroristen der sechziger Jahre einen Ehrenkranz zu flechten:

"Sie haben – heute können wir es offen sagen – wesentlich dazu beigetragen, den friedlichen Weg des ‚Pakets‘ freizumachen. Sie haben schwer dafür bezahlt... Wir alle haben mit ihnen gelitten und gefühlt, auch wenn wir dies nicht immer offen gesagt haben."

Natürlich wiederholte Magnago, daß Gewalt nicht der richtige Weg zur Problemlösung "sein soll", aber er bedauerte auch, daß Italiens Justiz 35 jener "politischen Häftlinge" weiterhin die Bürgerrechte vorenthält – obschon doch in Italien sogar "Schwerverbrecher wegen Formfehlern der Justiz frei herumlaufen". Dafür bekam der 77jährige, nun scheidende Parteichef noch mehr Applaus als für sein taktisches Vermächtnis: daß "Autonomie etwas Dynamisches" sei, nämlich kein Verzicht auf Selbstbestimmung und folglich auch nicht auf Heimkehr ins österreichische Vaterland. Wobei Politik allemal Kunst des Möglichen bleiben müsse ...

Warum aber soll Südtirol heute nicht wie Litauen oder Kroatien die "Vollautonomie" verlangen, wenn sogar die norditalienischen Föderalisten der Leghe vom Freistaat träumen? "Sie haben uns überholt", befürchtet eine Gruppe junger SVP-Politiker, die für ein eigenstaatliches "Südtirol 2000" wirbt. Doch Roland Riz, der 64jährige Professor, der nun das Erbe Magnagos übernommen hat, warnt davor, sich "Lösungen aufschwatzen zu lassen, wie sie zur Zeit in den Baltenstaaten oder in Jugoslawien praktiziert werden; dies würde all unsere bisherige Arbeit zunichte machen". Auch Luis Durnwalder, der von Magnago das Amt des Landeshauptmanns der Provinz Bozen/Bolzano übernommen hat, teilt diese Meinung, "denn in Europa werden Grenzen jetzt nicht verschoben, sondern durchlässiger gemacht". Und sein Innsbrucker Kollege befürchtet "unabsehbare Konflikte" als Folge "unrealistischer politischer Höhenflüge".

Dennoch las man in Bozen die Parole "Tirol grüßt sein Südtirol", und die Unionspartei des autonomen französischsprachigen Aosta-Tales gratulierte dem neuen SVP-Parteichef – auf italienisch – mit der Hoffnung auf eine strategia commune. Rom aber hat gerade jetzt aus der (chronisch defizitären) Staatskasse 400 Millionen Lire übrig, um das baufällige Siegesdenkmal in Bozen zu retten, das Mussolini 1928 als ewigen Stein des Anstoßes hinterließ...

Hansjakob Stehle