Von Iris Radisch

Die Leipziger Buchmesse begann in der Kirche. „Veni sancte spiritus“ sang der Leipziger Kinderchor. Frau Kristiane Köbler spielte Orgel. Herr Professor Hans Mayer hielt die Festpredigt. Er sprach über das ewig Gesamtdeutsche in der deutschen Literatur, über die neue hoffnungsvolle Buchmesse und über das glückliche Ineinander des Weltliterarischen und des Deutschen jetzt und immerdar. Applaus und Orgel.

Hans Mayer ist der Mann der Messe. Denn er sagt, die DDR-Literatur bleibt uns erhalten, der Einfluß der DDR-Literatur wird wachsen, die Buchmesse wird leben. Er sagt, die Vergangenheit ist nicht tot, sondern nur vergangen. Er sagt, es gibt nichts Schlechtes, das nicht auch sein Gutes hätte. Hans Mayer denkt dialektisch. Die Leipziger jubeln. Dann verlassen alle die Kirche.

Im Leipziger Messehaus jubelt niemand, und nichts kann so bleiben, wie es ist. Vielleicht kann überhaupt nichts bleiben. Jeder auf der Messe weiß das. Jeder zweite behauptet das Gegenteil. Kurt Schoop, der Vorsitzende der Geschäftsführung der Leipziger Messe, spricht von dem Engagement der Verlage, von der „künftigen Einbeziehung des Themas Buch in das Thema Medienstadt“. Der Geschäftsführer des Börsenvereins spricht von der „Nische“ Leipzig als attraktiver Frühjahrs-Ordermesse. Die Eröffnungspressekonferenz ähnelt einem Buchmessengottesdienst. Die Wahrheit ist der Presse nicht zumutbar. Der Plan ersetzt die Information, der Blick zurück im Traum verklärt die miese Wirklichkeit. Leipzig wie eh und je.

Das Neue an der Leipziger Buchmesse ist die Leere. Die Fahrstuhlführer im Messehaus stehen in ihren dunkelblauen Anzügen vor den Fahrstühlen und warten. Das „Engagemang“ der Besucher ist klein, beim „Ordern“ ist selten jemand zu beobachten. Das ist zu erklären. Zu „System-Zeiten“, wie die Leipziger inzwischen sagen, hatte die Messe vor allem zwei Funktionen: Man konnte dort Bücher klauen, die es sonst nicht gab, und man konnte mit deutsch-deutschen Lizenzen handeln. Das ist nun vorbei. Die Bücher, die es hier zu sehen gibt, liegen jetzt in jeder Buchhandlung, und über Lizenzen verhandelt man heute, wenn überhaupt, nur noch über den Rechtsanwalt. Der Plan, in Leipzig eine Frühjahrs-Ordermesse zu erhalten, ist – behauptet „der Fachmann“ – an der Wirklichkeit vorbeigeplant. Ende April ist die Frühjahrsproduktion bereits im Handel, die Herbstproduktion liegt noch nicht vor. „Wir können uns“, sagt Ingo-Eric M. Schmidt-Braul, der neue Chef von Volk und Welt, „eigentlich nur nett unterhalten.“

Einer muß lügen

Aber auch das ist nicht einfach. Die meisten Verlagsleiter der alten SED-Verlage haben zwar zwei Drittel ihrer Belegschaft entlassen – sich selbst aber nicht. Der Versuch, mit diesen „Massen von altrosa Jackets aus dem Reformhaus“, die – wie die Ostberliner Zeitung die andere schreibt – „gegenwärtig rund um die Gethsemanekirche in der Warteschleife für die Konjunktur hängen“, über ihre Probleme zu reden, scheitert. Alle sagen: Uns geht es bestens, in Zukunft noch besser. Achim Schneider von der Treuhand sagt: „Alle Verlage machen Verluste.“ Einer muß lügen.