ZDF, Freitag, 26. April: "Derrick"

Routine ist ein Schimpfwort in Medien, die mehr versprechen. Das Fernsehen gehört nicht dazu. Dieser Nonstoplieferant vor. Durchschnittsware steht nicht unter Kunstverdacht. Man erwartet ja auch von einer überregionalen Zeitung nicht, daß sie unsterbliche Literatur herausbringt. Gleichwohl unterläuft dem einen wie dem anderen Massenmedium dann und wann ein Werk von höherer Bravour. Das sind aber Ausnahmen. Die Regel ist die Routine. Sie also sei der Maßstab, an dem ein Fernsehstück gemessen werde.

Herbert Reinecker gilt als Routinier. Dieser Verfasser von Krimi-Drehbüchern fällt unweigerlich jedem ein, der einen routinierten Fernsehautor nennen soll. So sehr ist Reinecker mit dem Inbegriff des Routiniers identisch, daß man kaum noch überlegt, ob er dieses Etikett verdient. Routine ist beim Fernsehen kein Schimpfwort. Es steht für Sachverstand, technische Sicherheit und handwerkliche Perfektion – plus, womöglich, eines gewissen Extras: Sei es eine Idee, eine Handschrift, ein Pfiff. Sind sie an Reineckers Produkten wahrhaftig zu erkennen, diese Markenzeichen des Routiniers?

Spätestens nach seinem letzten "Derrick" (Untertitel: "Wer bist du, Vater?") sind Zweifel angebracht, auch von dem, der nicht mehr als Routine erwartet hat, wie sie am Freitagabend so wohlgewohnt über die Scheibe zittert – und wer erwartet mehr? Es ist Freitagabend just die Routine, auf die wir uns freuen – wer also seinen guten alten Krimi eingeschaltet hat, mußte sich verschaukelt fühlen, als Derrick diesmal im Thai-Prostituiertenmilieu ermittelte und eine Vater-Tochter-Kiste zutage förderte. Glücklicherweise war der Vater das Opfer, also schon in den ersten fünf Minuten tot, so daß uns als Vertreterin der verkorksten Kiste nur die Tochter nerven konnte; aber sie erkor sich Derrick zum Ersatzvater und sagt zu ihm Sachen wie: "Ich bin innerlich irgendwie immer auf’m Sprung." Auch rief sie ihn nachts an, um ihm mitzuteilen, daß sie ihren Vater nicht geliebt habe, was aber der gute alte Derrick, welt- und kistenerfahren, wie er ist, besser wußte.

Was gibt einem sogenannten Routinier das Recht, die Regeln des Genres mit Füßen zu treten und statt der Schlägerei unter Männern, der Liebesnacht auf der Flucht und des humorigen Zynismus der Bullen ein überkandideltes Mädchen zu präsentieren, das völlig ohne Sinn und Verstand Detektiv spielt, sich dabei eine blutige Nase holt und am Schluß von Derrick gesagt kriegt, sie könne sich "erlauben", ihren Vater "zu lieben"? Kiste statt Action, Psycho statt Spannung, Larmoyanz statt Nervenkitzel und Nebenfiguren von so aufreizend dusseliger Wirklichkeitsferne (ein Routinier sollte imstande sein, parlierende Studenten zu zeigen, ohne gleich Nietzsche aufzufahren), daß es einen juckte, mit Derrick auszurufen: "Ich geh’ jetzt, gute Nacht, ich muß noch in’s Büro."

Barbara Sichtermann