Fünf Jahre nach Tschernobyl droht von den osteuropäischen Kernkraftwerken eine akute Gefahr

Von Wolfgang Hoffmann

Wenige Tage nach der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl steht der sowjetische Kernkraftwerkingenieur Grigorij Medwedew vor dem Krankenbett eines Feuerwehrmannes, der an den Rettungsarbeiten mitgewirkt hat. In seinem Buch "Verbrannte Seelen" beschreibt Medwedew die Szene: "Es war alles getan. Aber er verbrannte, er schmolz dahin, er verdorrte, er verschwand. Von Stunde zu Stunde wurde er kleiner. Verfluchtes nukleares Zeitalter! Die Toten, geschwärzte verdorrte Mumien, sind dann leicht wie Kinder."

Szenenwechsel, 19. Januar 1991. Auf der Wintertagung des Deutschen Atomforums steht der Münchner Nuklearwissenschaftler Hans-Wolfgang Levi, Verfechter des atomaren Zeitalters, am Rednerpult und behauptet, bisher sei "keine signifikante Zunahme der Erkrankungen" als Folge von Tschernobyl zu beobachten. Obwohl die sowjetische Regierung nach amtlicher Verlautbarung an die 600 000 Menschen mit Strahlenschäden registriert hat, beteuert der Professor: "Ohne Zweifel ist die Gesundheit der Bevölkerung (von Tschernobyl) derzeit durch psychische Belastungen stärker gefährdet als durch radiologische."

Die Verfechter der Kernenergie haben gute Gründe, die Folgen des Reaktorunglücks herunterzuspielen. Die Verharmlosung der Aus- und Nachwirkungen des nuklearen Fallouts soll nur davon ablenken, daß sich eines Tages wiederholen könnte, was am 26. April 1986 in Tschernobyl passiert ist: ein Super-GAU – der größte anzunehmende Unfall, wenn alle Sicherheitssysteme versagen.

In der Sowjetunion, in Bulgarien, Ungarn und der Tschechoslowakei sind derzeit etwa siebzig Atommeiler sowjetischer Bauart in Betrieb; davon sind vierzig völlig marode und die übrigen nicht viel besser dran. Das ist jedenfalls die Einschätzung von Adolf Birkhofer, dem Vorsitzenden der Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS) und Berater von Klaus Töpfer, Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. Birkhofers Urteil über die Atommeiler im Osten: "Mangelhaft, unzureichend, unzulänglich, veraltet, generell schwach."

Zwar hatte sich die Zusammenarbeit zwischen Ost und West auf dem Gebiet der nuklearen Sicherheit seit Tschernobyl nachhaltig verbessert. Viele Informationslücken über die Ost-Reaktoren sind aber erst nach der Wende in der DDR geschlossen worden, als westdeutsche Experten die Atommeiler inspizieren durften. Jetzt liegen denn auch alle DDR-Reaktoren still. Gemessen an westdeutschen Sicherheitskriterien, haben die zehn bis zwanzig Jahre alten Anlagen ihre Betriebsgenehmigung verwirkt.