Die Elefantenherden, die den Schreibtisch von Juliane Weber im Vorzimmer Helmut Kohls bevölkern, sind über die Jahre so zahlreich geworden, daß sie kaum mehr Platz für Akten lassen; und die Natursteine, an denen der Sammlerehrgeiz des Bundeskanzlers hängt, türmen sich in den Wandregalen seines Arbeitszimmers bis unter die Decke: Die Fülle macht deutlich, daß sich die Kanzlerjahre akkumuliert haben.

Ins Auge fällt ein großes Portraitphoto von John Major, dem britischen Premier: So prominent steht er nur, weil der Kanzler ihn gut leiden kann. Neu aufgehängt ist auch eine Mitterrand-Skizze des ostdeutschen Malers Bernhard Heisig, die Studie zu einem Gemälde, an dem der Künstler noch arbeitet. Der französische Staatspräsident hat Helmut Kohl das Blatt bei seinem letzten Paris-Besuch geschenkt. Die deutsch-französische Freundschaft braucht ab und zu ein beziehungsvolles Symbol.

Am 1. Oktober 1982, vor acht Jahren und sieben Monaten, wurde der Pfälzer zum Kanzler gewählt. Daß er seinen Vorgänger Helmut Schmidt mit dieser Verweildauer im Amt bereits um zweieinhalb Monate überrundete, bestätigt ihn in seinem unerschütterlichen Machtbewußtsein. Er hat schon so viele Krisen erlebt, auch die jüngste wird er überstehen. Zweifel an seinem Überlebenswillen läßt er nicht aufkommen. Falls ihn der Zustand seiner Partei beunruhigt, läßt er es sich nicht anmerken.

Die drei ZEIT-Redakteure, die den Kanzler in der vergangenen Woche zu einem zweieinhalbstündigen Tour d’horizon aufsuchten, empfing er aufgeräumt, unerschüttert und gelassen. Die Botschaft war seine Erscheinung. Wie immer, wenn Helmut Kohl mit dem Rücken an der Wand steht, geht er in die Offensive – und bedeutet damit einem jeden, daß er sich im Recht fühlt.

Auf die greinende CSU, auf die nervös werdende CDU reagiert er, als sei Christian Morgenstern sein heimlicher Trostspender: „Wer vom Ziel nicht weiß, kann den Weg nicht wissen.“ Die Partei möchte über ihre Krise reden? Er gesteht es ihr gerne zu, aber er selber läßt nicht erkennen, daß er solche Exerzitien als seine vordringliche Aufgabe ansieht.

Da braucht er sich nur die Mehrheitsverhältnisse im Bundestag anzusehen: Objektiv ist seine Position bis zur Bundestagswahl im Jahre 1994 gesichert. Bis dahin sieht er „die Dinge wieder auf der Reihe“. Wer sollte also an Kohls Stuhl sägen? Der Mann oder die Frau, die ihn – jedenfalls in der eigenen Partei – in die Schranken fordern könnte, ist noch nicht gesehen worden.

Wenn es der Partei gut tut, will der Kanzler zu ihrer programmatischen Erneuerung beitragen. Besonderen Wert legt er dabei auf die „moralischen“ Themen, auf die Diskussion um den Paragraphen 218, über die Sterbehilfe und die Gentechnologie. Das alles will er wieder zum Herzstück christlich-demokratischer Weltanschauung machen. Dafür läßt er die Demoskopen Demoskopen sein und setzt lieber auf die eigene Witterung.

Nein, Helmut Kohl fühlt sich nicht belagert und nicht bedrängt, und seine Überlegenheit wirkt weder angelernt noch aufgetragen: Sie kommt von Herzen. N. G.