Von Jürgen Dahl

So leichthin sprechen wir von Großmutters Zeiten und Bräuchen und meinen doch inzwischen, da Zeiten und Bräuche sich immer weiter wandeln, längst die Urgroßmutter. Großmutter jedenfalls kannte schon die gepreßten Torftöpfchen für die Aussaat von Gemüsen und Kräutern, indes die Urgroßmutter sich noch anders helfen mußte.

Es war aber irgendeiner Ururgroßmutter ein genialer Gedanke gekommen, als sie die Eier für den Kuchen trennte, das Eiweiß ablaufen ließ und das Gelbe mit Schwung in die Teigschüssel beförderte. Sie hielt die beiden leeren Näpfchen in den Händen, und da es gerade Zeit war, die Kürbiskerne zu legen, schoß es ihr durch den Kopf: daß dies die idealen Saattöpfchen wären. Sie probierte es aus, und siehe, die Sämlinge gediehen prächtig, und wenn man sie auspflanzte, brauchte man nur das Töpfchen, die Eierschale, zuvor ein wenig anzuknicken, dann konnte man das Pflänzchen, ohne sein Wurzelwerk zu beschädigen, einfach mit seinem Topf in die Erde drücken.

Ururgroßmutter überlieferte das Verfahren ihren Töchtern und Schwiegertöchtern, und wenn sie auch gestorben sind, so hindert uns doch nichts daran, die Eier künftig mit besonderer Sorgfalt zu halbieren, die Schalenhälften heiß auszuwaschen (oder einige Zeit in den Regen zu legen) und, in Eierkartons aufgestellt, statt der teuren Torftöpfchen zu verwenden. Probatum est! ruft die Urgroßmutter.

Der Kalk, der die Sämlingswurzel umgibt, wird im Laufe des Wachstums teilweise aufgelöst und hilft, die Pflanze zu nähren. Überhaupt ist es ein Jammer, daß all der schöne Eierschalenkalk im Müll endet. Sackweise könnten wir die Schalen brauchen: um sie auf den Kompost zu geben, wo sie die Verrottung befördern; um sie den Hühnern und Gänsen hinzustreuen, damit sie daraus wieder neue Eierschalen bauen können; und um immer wieder jene Pflanzen mit Kalk zu versorgen, deren Heimat und Lebensraum das Kalkgeröll der Berge ist. Der wohlriechende Diptam gehört dazu, die purpurn leuchtende Kartäusernelke und jene Steinbrech-Arten, die den Kalk so sehr lieben, daß sie ihre Blätter an den Rändern mit den allerfeinsten Perlenketten aus Kalkkörnchen schmücken.

Diese Mitglieder der Gattung Saxifraga sind immergrün, überstehen den Winter ohne jede Not und lassen im Juni an hohen, drahtigen Stengeln die überreiche weiße Pracht vielblütiger Rispen erblühen. Die kleine Rosette, aus der sich die Rispe erhebt, verausgabt sich damit völlig und stirbt hinterher ab, aber sie hat längst einen Schwarm von Tochter-Rosetten gebildet, die das Steinbrech-Polster üppig nach allen Seiten fortsetzen und für die Erhaltung der Art sorgen, denn der staubfeine Same keimt nur schwer.

Oft sieht man diese Steinbreche in Gartenbeeten stehen, schlaff und mastig: Der gute Boden bekommt ihnen schlecht. Was sie brauchen, ist der schiere Kalk, am besten ein aufgekippter Hügel aus grobem Bauschutt, mit vielen Spalten und Ritzen, in denen sich die Wurzeln weithin ausbreiten, um aus den Tiefen des feuchten Gesteins die schöne Rosette mit Feuchtigkeit und Nährstoffen zu versorgen. Nichts weiter als Bauschutt mit Zement und Mörtel und Ziegelsteinen, kein Dünger, schon gar kein Torf – und niemals auch nur die kleinste Wasserlache, die sogleich zu Fäulnis führen würde!