Von Gunhild Lütge

Die Liste wirkte auf ihn wie ein Schock: Sie offenbarte sämtliche Telephonate, die von seinem Apparat aus geführt worden waren, samt Zielnummer, Datum, Uhrzeit und Dauer des Gesprächs. Diese Datensammlung seiner Behörde sei ein Schritt zum Ausbau des Überwachungsstaates, fand der Amtsrichter einer südbadischen Gemeinde. Er klagte wegen der neu installierten Telephonkontrolle beim Verwaltungsgerichtshof. Allerdings sahen seine Kollegen die richterliche Unabhängigkeit keineswegs verletzt.

So oder anders wurden schon in vielen Verwaltungen und Unternehmen die Folgen der modernen Kommunikationstechnik bekämpft – manchmal ohne und oft mit Erfolg. Deshalb raten Hersteller mittlerweile dazu, tunlichst den Betriebsrat einzuschalten, um einen Rückschlag beim Fortschritt ihrer neuen Telephontechnik langfristig zu vermeiden.

Was im kleinen schon für so viel Ärger sorgte, soll nun in ganz großem Stil Wirklichkeit werden. Möglich macht das die Modernisierung jener Schaltzentralen der Post, die den gesamten Fernmeldeverkehr lenken. Durch den Einsatz von Elektronik wandelte sich das Fernmeldenetz zu einer riesigen computergesteuerten Maschine. Schon lange befürchteten viele Datenschützer, daß die moderne Technik die traditionellen Bestimmungen zum Fernmeldegeheimnis überholen könnte. Das Ganze, so lautete deren Forderung, müsse neu geregelt werden. Und so geschah es dann auch.

Doch ausgerechnet die neue Verordnung zum Datenschutz in der Telekommunikation erlaubt nun eine brisante Datensammlung über sämtliche Telephonbenutzer in den zentralen Postcomputern. Die Kunden haben lediglich die Wahl, ob sie kürzere oder längere Zeit registriert bleiben möchten. Auf Wunsch werden die gespeicherten Informationen dann auch noch ausgedruckt. Denn von Mitte des Jahres an bietet die Telekom ihren Kunden einen sogenannten Einzelgebührennachweis an. Statt der pauschalen Summe werden dann auf der Rechnung – wie im Falle des Amtsrichters – alle Daten sämtlicher Telephonate penibel registriert. Was die Post als Service verkauft, hat zur Folge, daß niemand mehr sicher sein kann, auf wessen Telephonrechnung er mit seiner Nummer erscheinen wird.

Wieder einmal geht es um den gläsernen Menschen, der in der Informationsgesellschaft fast nichts mehr tun kann, ohne eine digitale Datenspur zu hinterlassen. Unerwünschte Werbepost ist nur die harmloseste Folge.

So befürchtet das Institut für Informations- und Kommunikationsökologie, „daß sich das gesamte Kommunikationsverhalten der Menschen wesentlich verändern wird“. Mehr als zweihundert Organisationen machten Postminister Christian Schwarz-Schilling, der für die Verordnung verantwortlich zeichnet, in einem Brief darauf aufmerksam, „daß die zunehmende Verdatung des Telephonverkehrs bestehende Berufsgeheimnisse und Vertrauensverhältnisse erheblich gefährdet“.