In einem Buch von Chlodwig Poth zu blättern ist wie das Wiedersehen mit einem alten Freund. „Und weißt du noch damals?“ Ja, er weiß es noch, und mehr: Wo wir uns gerade daran erinnern, daß damals auf der Demo die Polizei mit Wasserwerfern kam, da weiß er auch noch, für welchen Film gerade auf der Litfaßsäule an der Ecke geworben wurde und welche Würste der Schnellimbiß verkaufte.

Es gibt wenige deutsche Zeichner, die über so viel Gespür für das charakteristische Detail und ein ähnlich gutes Gehör für Tonfälle verfügen wie Chlodwig Poth. Robert Gernhardt, Hans Traxler, Friedrich Karl Wächter könnte man zum Beispiel noch nennen – die Zeichner der „Neuen Frankfurter Schule“. Was haben wir offen oder heimlich gelacht, wenn sie schrieben, was wir, wenn schon nicht schreiben, dann doch wenigstens lesen wollten?

„Nur die Übertreibung ist wahr“, meinten Adorno und Horkheimer in der Dialektik der Aufklärung, und das könnte auch als Motto über Poths Roman stehen. „50 Jahre Überfluß“, die Geschichte des Klaus Dieter Rosinsky, ist ein gezeichneter Roman, der so romanhaft ist, wie ein Roman nur sein kann: Es ist die Geschichte eines beispielhaften Lebens, zugleich also die einer ganzen Generation, und wie alle ernst zu nehmenden Romane ist „50 Jahre Überfluß“ folglich eine Parodie auf jenen ersten – ernsthaften – Roman, der – wenn es ihn denn gegeben hat – verlorengegangen ist.

In einer Trümmerlandschaft wird Klaus Dieter im Jahre 1944 gezeugt, und in Ruinen wird sein Leben 55 Jahre später auch enden. Dazwischen liegt eine mustergültige 68er-Karriere: Stationen sind unter anderem der erste Italienurlaub mit Bad im „mare nostrum“, das Teach-in in den Sechzigern, die Kommune mit Gruppensex in den frühen Siebzigern, schließlich der Marsch durch die Institutionen. Wie im richtigen Leben mißglückt der auch hier. Schnell hat Klaus Dieter als Texter die alten Parolen zu flotten Werbesprüchen umgewandelt („Völker hebt die Pokale! Freiheit, Gleichheit, Liderlichkeit“), und von der Sektwerbung zur Wahlkampagne für die CDU ist es dann bloß noch ein kleiner Schritt...

Poth ist ein furchtloser Realist. Vor keinem Klischee schreckt er zurück. Vielleicht läßt es sich so erklären, daß man in seinem Buch auch Dinge wiedererkennt, an die man sich gar nicht erinnern kann – weil man sie als Nach-68er überhaupt nicht erlebt hat. Was die Stärke von Poths Wimmelbildern, „Haßblättern“ und Bildgeschichten in der Titanic ist, das ist das Ermüdende an diesem Roman: Immer steht Poth auf der richtigen Seite. Immer ist er komisch, kaum einmal überrascht er uns, unzählige Male bestätigt er, daß alles gerade so ist, wie wir es uns schon immer vorgestellt haben.

Als Poth Anfang der sechziger Jahre Pardon mitbegründete, da löste seine Satirikergeneration die ältere, die von Werner Finck, Loriot und Erich Kästner, ab. Und wer heute in deren Bücher schaut, der entdeckt auch, warum das so kommen mußte: Die alten waren stilistisch nahezu perfekt, doch ihre Komik war gemütlich geworden, versöhnlich. Wahrscheinlich ist Poth heute für die 68er, was Loriot für die Nachkriegsgeneration war: ein Komiker, der alle schmunzeln läßt – auch die, die eigentlich erröten müßten. Nikolaus Müller-Schöll

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