Im Bundestag hat sich eine bemerkenswerte Koalition von weit über hundert Abgeordneten – von Gregor Gysi (PDS) bis Rupert Scholz (CDU) – gebildet. Sie unterstützen den Antrag des Berliner Abgeordneten Konrad Weiß (Bündnis 90/Grüne), der eine „schnellstmögliche Einspeisung“ des Programms des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in das TV-Kabelnetz des Bundestags wünscht. Die sich dramatisch zuspitzende Situation in den neuen Bundesländern, so Weiß’ Begründung, erfordere die umfassende Information der Abgeordneten in Bonn, und ARD, ZDF und die privaten Sender berichteten eben nicht „mit den gleichen Schwerpunkten aus den neuen Ländern“. Am 14. Mai wird darüber abgestimmt.

„Journalistische Berater und Helfer aus den westlichen Bundesländern nach dem Muster der Zeitungsredaktionen gibt es bei Aktuell nicht. In der Nachrichtenauswahl dominieren die Themen aus dem Gebiet der früheren DDR ... Unterschwellige Kritik ist an der Tagesordnung... Wenn Journalisten in der ehemaligen DDR die vorgestanzte Formelsprache verlassen wollten, wichen sie oft in feuilletonistische Formulierungen aus. Davon ist noch viel geblieben ...“

So urteilt Henning Röhl, Chef von ARD-Aktuell, über die Arbeit von DFF-Aktuell. Aus seinem Hamburger Glashaus hat Röhl leicht Steine werfen: Kritik stand und steht bei ihm nicht auf der Tagesordnung. In seiner Kieler NDR-Zeit war er eher bekannt für sein ganz und gar nicht unterschwelliges Einverständnis mit den herrschenden Verhältnissen zur Zeit des Uwe Barschel. Man ist versucht, frei nach Röhl, zu fragen: Wieviel ist davon noch geblieben?

Henning Röhl übt nicht nur Stilkritik. In der vom Frankfurter Informationsdienst Medienkritik veröffentlichten Kollegenschelte macht der CDU-Mann auch vorbeugende Medienpolitik. DFF-Aktuell habe in den fünf neuen Ländern „beträchtliche Resonanz“. Röhl: „Die Zuschauer finden sich in diesem Programm auch wieder, da es durchaus so etwas wie ein Stimmungsbild der neuen Bundesländer vermittelt.“ Das könnte ein Kompliment sein, ist so aber nicht gemeint. Vielmehr scheint der West-Chefredakteur zu fürchten, es könnte womöglich nicht zu der für Jahresende vorgesehenen Auflösung des DFF kommen. Dort aber säße ja noch die alte Redaktion, seinerzeit „eine der wichtigsten Propagandazentralen der SED“. Ihr Weiterbestehen, so Röhl, „käme einem Verrat an den Zielen der friedlichen Revolution gleich“.

Im Bonner Büro von Konrad Weiß, einem der Vorkämpfer jener friedlichen Revolution, arbeitet Christiane Ziller, einst Aktivistin beim Demokratischen Aufbruch, später Mitglied in der Medienkommission beim Runden Tisch der DDR. Die Situation in Rundfunk und Fernsehen des deutschen Ostens kennt sie gut, sie zählt sich zu den „Opfern“ der SED-frommen Berichterstattung vor der Wende. Die Ansichten des Herrn Röhl aber hält sie für eine „Unverschämtheit“. DFF-Aktuell sei personell gründlich erneuert, sagt sie, die Aufpasser im Westen wollten das nur nicht zur Kenntnis nehmen: „Politische Schwierigkeiten haben vor allem diejenigen, die schon vor der Wende die Veränderung aktiv mitbetrieben haben.“ Dazu zählt sie auch Journalisten, die – obwohl SED-Mitglieder – gegen den Druck des Apparats schon vor der Wende Interviews mit Oppositionellen riskiert hätten.

Chefredakteur Röhl läßt sich so einfach nicht täuschen: „Alte Denk- und Verhaltensweisen sind ... längst nicht vergessen. Der Sprengsatz schlummert.“

Als er so die vorgestanzte Formelsprache verlassen wollte und in eine feuilletonistische Formulierung auswich, erwachte der Sprengsatz und krachte. Werner A. Perger