Von Marlies Menge

Lauchhammer liegt in der Niederlausitz, am Rande des Landes Brandenburg. Und Lauchhammer bedeutet: Braunkohle, Brikettfabriken, Großkokerei. Kohlenstaub überzieht Straßen und Wiesen, schlüpft durch Ritzen auf Möbel. Wer im Garten Unkraut jätet, sieht aus, als komme er aus dem Kohlenkeller.

Bürgermeister Christian Häntzka, CDU, legt Luftaufnahmen auf den Tisch: Sie zeigen viel Grün, das Grün der Bäume, dazwischen die roten Dächer der Häuser. „Schreiben Sie nicht, wir sind dasselbe wie Bitterfeld. Dann kommt keiner her.“ Schließlich gebe es genügend Gründe, in Lauchhammer zu investieren: „Die Leute hier sind Arbeitstiere, seßhaft, kämpferisch, gut qualifiziert.“ Er hofft auf Leichtindustrie und mittelständische Betriebe: „Alles, was Schornsteine hat, davon hat man hier die Nase voll.“

In dieser Spannung lebt die Stadt: auf der einen Seite die Umweltbelastung, auf der anderen die Angst vor Arbeitslosigkeit. Noch arbeiten drei Brikettfabriken, drei wurden dichtgemacht. „Die Kokerei ist im Abfahrprozeß, wird kontinuierlich auf Null reduziert. Das Ferrolegierungswerk hat noch Aufträge.“ Häntzkas Hauptproblem ist die Arbeitslosigkeit: „Fünfzig Prozent der Arbeitslosen im Kreis Senftenberg werden aus Lauchhammer sein.“ Die Leute werden auf die Straße gehen, prophezeit er.

Die Arbeitstherapeutin Karin Stauss, eine schmale junge Frau, verheiratet mit Pfarrer Curt Stauss, ist arbeitslos, seit ihr Babyjahr für Tochter Hanna vor einem halben Jahr zu Ende ging. Für Bündnis 90/Grüne ist sie in der Stadtverordneten-Versammlung und setzt sich vor allem für ihre Geschlechtsgenossinnen ein, die auch hier am ehesten die Zeche zahlen. Im Stadtparlament hat die CDU zwanzig Sitze, die FDP zwei, acht die SPD, sieben die PDS und drei das Bündnis 90/Grüne. Die Staussens wohnen nahe der Kirche, deren gelber Turm das Fröhlichste und Hellste von Lauchhammer ist. Von hier starten wir zu einer Stadtrundfahrt, vorbei an Brikettfabriken, Kraftwerken, der riesigen Kokerei. Aus Fabrikschloten steigt hellgrauer Rauch. Zwischen den einzelnen Ortsteilen liegen Felder. Trotz Großindustrie, trotz 24 000 Einwohnern, trotz der drei Neubaugebiete ist Lauchhammer keine richtige Stadt geworden. Die Dörfer, die 1953 zur Stadt zusammengefügt wurden, prägen Lauchhammer bis heute.

Am Markt steht zwischen bäuerlichen gelben Backsteinhäusern ein häßlicher Neubau von Fiat. Ich zähle drei Videotheken, einen Erotik-Shop nebst Sex-Kino. Zeitschriften mit nacktbusigen Schönen werden inzwischen weniger gekauft. „Ist ja auch immer dasselbe“, sagt die Verkäuferin. An der Litfaßsäule wirbt die Spielhalle „Las Vegas“. In der Kaufhalle schimpft eine Verkäuferin: „Warum verdienen wir so viel weniger als die im Westen? Schließlich verkaufen wir doch dasselbe!“ Sie hält einen Yoghurt hoch: „Hier – aus dem Westen und für denselben Preis.“

In der Kirche legen Männer vom Bodendenkmalschutz Schichten frei, darunter stand einst eine Holzkirche. Überall liegen Balken und Rohre herum. Lauchhammeraner legen Hand an, „auch solche, die mit Kirche nichts am Hut haben“, erzählt stolz der Kirchenratsvorsitzende Heinrich Losch. Er ist Betriebsrat und stellvertretender Abteilungsleiter in der Grau- und Stahlgießerei der Schwermaschinenbau-Lauchhammerwerk AG, Früher bauten sie viel für die Sowjetunion: „Die können nicht mehr bezahlen. Bis zur Währungsunion hatten wir volle Auftragsbücher. Danach null.“ Zum Lauchhammerwerk gehören die Kunstgießerei mit 200jähriger Tradition, in der zum Beispiel das Buchenwald-Denkmal gegossen wurde. Badewannen-Gießerei, Grau- und Stahlgießerei sollen privatisiert werden. „Privatisierung muß nichts Schlimmes sein“, sagt Losch, „die Unsicherheit ist schlimm. In der ehemaligen DDR wurde unbeschwert gearbeitet. Dieses Gefühl: Uns kann nichts passieren, das müssen wir abbauen.“