Die große Mehrheit der Bevölkerung der ehemaligen DDR hat ja in vier Wahlgängen den Anschluß nach Artikel 23 bestätigt. Nun ist es natürlich für westliche Kirchenvertreter nicht ganz einfach zu begreifen, daß mit der DDR die evangelische Kirche Ost nicht untergegangen ist. Das müssen wir in Gesprächen des öfteren den leitenden Vertretern auf der anderen Seite begreifbar machen. Untergegangen sind wir nicht! Wir sind geschrumpft, wir sind gerupft worden, aber untergegangen sind wir nicht!

Die finanzielle Unterstützung der vergangenen Jahre verleitet viele westliche Christen dazu zu sagen: Wir haben euch so lange unterstützt, warum wollt ihr denn jetzt den Militärseelsorgevertrag nicht mit übernehmen? Da werden natürlich Dinge vermischt, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben.

Der Militärseelsorgevertrag setzt den Wehrdienst mit der Waffe als das Normale voraus, und Zivildienstleistende sind sozusagen Ausnahmen von der Regel. Für die Kirchen aus der ehemaligen DDR ist es genau umgekehrt. Sie setzen den Zivildienst als Regel voraus. Und wenn es einen Dienst mit der Waffe geben muß, dann ist das für uns eine Sache, die wir nicht rechtfertigen können. Das zweite, was ans an der Militärseelsorge nicht paßt, ist, daß wir nur etwa zehn Prozent evangelische Christen in diesem Alter haben und deshalb nicht so tun können, als ob wir für neunzig Prozent der Leute zuständig wären. Dazu kommen noch die verschiedensten kleinen Dinge. Beispielsweise sind die leitenden, geistlichen Vertreter im Armeesektor Bundesbeamte auf Lebenszeit. Das ist für uns natürlich eine unzumutbare Zwitterstellung. Auf der einen Seite soll der Geistliche der Botschaft Jesu und auf der anderen der des Verteidigungsministers verpflichtet sein. Also da scheiden sich die Geister.

Hans-Otto Furian ist Probst und Stellvertreter des Landesbischofs Berlin-Brandenburg

Aus: Freitag