Von Martin Halter

Düster sinnend blickt der Mann im Glencheck in die Gischt der Reichenbachfälle. Sherlock Holmes ist unverkennbar nervös. Ein letztes Mal rückt er den Deerstalker zurecht, die legendäre Doppelschirmmütze, reckt die Shagpfeife in den Alpenhimmel. In einer Art Gentleman’s Agreement hat ihm Professor Moriarty, der Erzfeind, der „Napoleon des Verbrechens“, Gelegenheit gegeben, ein paar Zeilen an den getreuen Watson zu schreiben, den der Schurke mit einer Finte hinunter nach Meiringen lockte. Schon tritt das Genie des Bösen, tritt der Dämon mit Zylinder und schwarzer Pelerine um den Felsvorsprung, wirft mit grimmem Lachen den Spazierstock von sich und geht dem Detektiv ohne weitere Umstände an die Gurgel.

Holmes hat den finalen Zweikampf auf dem „drei Fuß breiten Pfad“ über dem dunklen Felsenkessel nicht nur vorausgeahnt, sondern geradezu herbeigesehnt, ja, mutwillig herbeigeführt. Wenn er im erbarmungslosen Zweikampf zusammen mit diesem „gefährlichsten und fähigsten“ seiner kriminellen Widersacher in den Abgrund stürzen sollte – well, für die Lösung dieses „letzten Problems“, so hatte er seinem Eckermann Watson schon in der Baker Street versichert, war das Leben ein lächerlich wohlfeiler Preis, den er „im Interesse der Allgemeinheit freudig auf mich nehmen“ wollte.

Es kommt, wie es im Buche steht. Mit einem gellenden Schrei stürzen die Kämpfenden in den Strudel. „Dort, tief unten in jenem schrecklichen Kessel voll wirbelndem Wasser und brodelndem Schaum, werden sie für alle Zeit ruhen: der gefährlichste Verbrecher einer Generation und ihr vornehmster Streiter für das Recht“, notiert Watson betrübten Herzens.

Selten hat ein Autor das Geschöpf seiner Phantasie mit so wenig Zartgefühl und so viel schäbigem Undank behandelt wie Arthur Ignatius Conan Doyle seinen Sherlock Holmes, den er ohne die Spur eines pietätvollen Schauderns in die Reichenbachfälle kippte. „Ich denke daran, Holmes zu erschlagen, um ein für allemal Schluß mit ihm zu machen“, berichtete er seiner Mutter. Im Dezember 1893 hatte er im Berner Oberland den Ort gefunden, „von dem ich gleich wußte, daß er ein würdiges Grab für Sherlock Holmes abgeben konnte, und wenn ich dabei gleich mein Bankkonto mit zu Grabe tragen würde“.

Die Alpen um Meiringen sind hoch, der dräuende Reichenbachschlund tief genug: eine angemessen byroneske Ruhestätte für einen viktorianischen Dandy. „Killed Holmes“, vertraute der Gentleman mit den tadellosen Manieren seinem Tagebuch an; den perfekten Mord datierte er auf den 4. Mai 1891. Als die Welt ein Jahr später aus der Feder von Dr. med. Watson vom Ableben des „größten Detektivs, der je gelebt hat“, erfuhr, trug man in der Londoner City schwarze Trauerbinden, und selbst „Ma’am“ tadelte ihren Sohn streng: „Du Bestie, wie konntest du das nur tun?“

In diesen Tagen, exakt hundert Jahre nach dem literarisch fixierten Tod des – bei Gelegenheit von seinem Meister widerwillig wieder auferweckten – Detektivs der Detektive, stellt sich die Frage am Abgrund der Reichenbachschlucht aufs neue. Professor Moriarty anno 1991 entspricht freilich nicht ganz dem Signalement, das Arthur Conan Doyle von ihm gab. Aber das mächtige Embonpoint des wirklichen Lebens übertrifft die athletisch-asketische Figur der dichterischen Phantasie allemal. Der verhaßte Professor heißt im bürgerlichen Leben Anthony Howlett und ist der leutselige Expräsident der Londoner Sherlock-Holmes-Society.