Berlin, 25. August 1983, Kurfürstendamm: Bombenanschlag auf das „Maison de France“. In ihm sind das französische Generalkonsulat, das Kulturzentrum und ein Kino untergebracht. Bei dem Anschlag, der in einer ganzen Reihe ähnlicher Attentate gegen französische Einrichtungen in verschiedenen Ländern steht, wird ein Mann getötet; mehrere andere Personen erleiden zum Teil schwere Verletzungen. Monate später bekennt sich in einem Schreiben an die deutsche Botschaft im saudi-arabischen Dschidda der weltweit gesuchte Terrorist Carlos zu dem Verbrechen.

Sieben Jahre danach, im September 1990, fällt Beamten des Bundeskriminalamtes im Zentralen Kriminalamt in Ost-Berlin eine Akte in die Hände, die die Hintergründe des Berliner Attentats neu beleuchtet und dabei ungeahnte Dimensionen der Terrorverstrickungen des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) enthüllt: Auch bei dem Bombenanschlag in Berlin, so geht aus dem Operatiworgang „Separat“ des Ministeriums für Staatssicherheit hervor, hatte das MfS seine Finger im Spiel und: Einer der Hauptbelasteten ist der flüchtige Stasi-Offizier Helmut Voigt. Hinter dem Codenamen „Separat“ verbirgt sich eine bislang unbekannte Verbindung der Stasi zu der Terrorgruppe um Iljitsch Ramirez Sanchez, genannt Carlos. Zu ihr unterhielt das MfS mindestens seit 1980 enge Kontakte. Der für Mitteleuropa zuständige Stellvertreter Carlos’ ist ein Deutscher. Sein Name: Johannes Weinrich, Chef der „Revolutionären Zellen“, der zweiten deutschen Terrororganisation neben der RAF.

Johannes Weinrich und andere „Alt-RZler“, wie sie Stasi-Oberst Günter Jäckel in seiner Aussage gegenüber dem BKA vom Januar bezeichnete, hielten sich regelmäßig in der DDR auf. In den Ausführungen Jäckels ist von einem Mann mit dem Decknamen „Steve“ die Rede. „Steve“, dies geht aus dem Buch des Terroraussteigers Hans Joachim Klein „Rückkehr in die Menschlichkeit“ hervor, war der Tarnname des Kopfes der „Revolutionären Zellen“. Dabei handelt es sich, wie man heute weiß, um Johannes Weinrich. Nach Erkenntnissen der Berliner Staatsanwaltschaft reiste der Kopf der „Revolutionären Zellen“ 1982 mit syrischem Diplomatenpaß in die DDR ein. Als Zöllner routinemäßig sein Gepäck durchsuchen, stoßen sie auf 24 Kilogramm Sprengstoff. Eilig informierte Stasi-Beamte erscheinen am Flughafen. Unter ihnen ist auch Helmut Voigt. Der Sprengstoff wird in Verwahrung genommen, Weinrich nach längeren Diskussionen in sein Hotel entlassen. In der Folgezeit reist Weinrich unbehelligt weiter ein und aus.

Im Januar 1983 veranlaßt Helmut Voigt eine Durchsuchung von Weinrichs Gepäck in dessen Hotelzimmer. Dabei stellen die Stasi-Beamten Handzeichnungen sicher. Auf ihnen ist das Ziel für einen Sprengstoffanschlag skizziert: Es ist das „Maison de France“ in West-Berlin. Das Dokument liegt den bundesdeutschen Ermittlungsbehörden vor. Das Folgende erscheint heute unfaßbar: Anstatt den Anschlag zu verhindern, Weinrich festzusetzen oder die französischen Behörden zu warnen, händigt die Stasi den beschlagnahmten Sprengstoff dem Terroristen wieder aus. Dieser gibt ihn an einen zu diesem Zweck eingereisten Libanesen weiter. Der wiederum verübt schließlich den Anschlag auf das „Maison der France“.

Mit diesem und den Attentaten auf die französische Botschaft in Beirut sowie den Schnellzug Toulon-Paris sollte ein führendes Mitglied der Carlos-Gruppe aus französischer Haft freigepreßt werden: Magdalena Kopp, Mitglied der „Revolutionären Zellen“, Decknamen Vera und Lily. Auch sie war für die Stasi keine Unbekannte.

Die Terroraktivitäten des MfS gingen somit weit über die inzwischen bekannte Stasi-RAF-Connection hinaus: Über die „Revolutionären Zellen“, so die aus dem Operativvorgang „Separat“ gewonnenen Erkenntnisse, mischte der Staatssicherheitsdienst der DDR erwiesenermaßen im internationalen Terrorismus mit.

Die deutschen Ermittler wissen inzwischen, wer der Attentäter vom 25. August 1983 war: der Libanese El Sibai. Unmittelbar nach dem Anschlag war aufgrund von Zeugenangaben ein Phantombild gefertigt worden. Dieses Phantombild stimmt exakt mit Photos von El Sibai überein. Im Zusammenhang mit dem Anschlag auf das „Maison de France“ in Berlin sucht die Staatsanwaltschaft per Haftbefehl heute demnach nach vier Personen: Carlos, Johannes Weinrich, El Sibai und Stasi-Offizier Helmut Voigt. Von mindestens zwei der Gesuchten, nämlich Carlos und Weinrich, weiß man, daß sie sich zusammen mit Magdalena Kopp in der Obhut der syrischen Geheimdienste in der Umgebung von Damaskus aufhalten. Von El Sibai und Voigt allerdings fehlt jede Spur.