Von Philipp Maußhardt

Jeden Morgen um zehn Uhr wiederholt sich in der Münchner Corneliusstraße eine Zeremonie. Ricarda Stratz von der Aids-Hilfe München wählt die Nummer des Amtes für Wohnungswesen. „Ach Sie sind es wieder“, sagt die Stimme am anderen Ende der Leitung. „Ich habe Ihnen doch gestern schon ...“

Ja, man hat gestern schon und vorgestern und wird morgen wieder sagen, daß es in München derzeit keine Sozialwohnungen für Aids-Patienten gibt. Obwohl der Münchner Gemeinderat im April 1989 beschlossen hatte, mit dem Aids-Virus HIV Infizierte sollten bei der Vergabe von Sozialwohnungen berücksichtigt werden, ist in zwei Jahren gerade eine 45 Quadratmeter große Wohnung zur Verfügung gestellt worden. „Unsere Klientel stirbt auf der Straße“, schrieb Anfang des Jahres die Münchner Aids-Hilfe an alle Gemeinderatsparteien.

Den Mitarbeitern der ambulanten Beratungsstelle war, erzählt Vorstandsmitglied Thomas Niederbühl, am Ende eines „ganz gewöhnlichen Arbeitstages der Kragen geplatzt“. Ein junger Mann im fortgeschrittenen Krankheitsstadium, so hörten sie, hatte beim Wohnungsbauamt statt einer Wohnung die Einweisung in eine stark verschmutzte Sammelunterkunft erhalten – eine Entscheidung, die wegen seines geschwächten Immunsystems für ihn lebensbedrohlich sein kann. Eine aidskranke Frau wurde nicht aus der Haft entlassen, weil draußen ihre Unterbringung nicht gesichert war. Inzwischen sind in der bayrischen Landeshauptstadt, wo etwa 350 Aidskranke leben, 25 Patienten mit voll ausgebrochenem Krankheitsbild unter katastrophalen Bedingungen in Sammelunterkünften untergebracht.

Viele der obdachlosen HIV-Infizierten kommen aus dem Drogenmilieu und haben schon vor Ausbruch der Krankheit ihre Wohnung verloren. Zum Beispiel Gerd. Er lebte vier Jahre lang im Wechsel auf der Straße, im Krankenhaus und bei seiner Mutter. Gerd ist heroinsüchtig und wird unter ärztlicher Kontrolle mit der Ersatzdroge Methadon versorgt. Er weiß seit vier Jahren, daß er sich mit dem Aids-Virus angesteckt hat. Zusammen mit seiner Freundin beauftragte er 1987 zum ersten Mal beim Münchner Amt für Wohnungswesen eine Sozialwohnung. „Dort riet mir der Idiot, wir sollten erst einmal heiraten, und ich Idiot hab’ das gemacht.“

Ob Freundin oder Ehefrau, eine Wohnung gab es auch nach der Hochzeit nicht, schon gar nicht auf dem hoffnungslosen freien Wohnungsmarkt. Die beiden zogen von einer Sammelunterkunft in die nächste. Gerd übernachtete schließlich im Freien und auf dem Münchner Hauptbahnhof. Sein Krankheitsbild verschlimmerte sich. Seit Februar dieses Jahres hat er nun eine eigene Wohnung. Er verdankt sie der Aids-Hilfe. Weil über die Stadt nichts zu bekommen war, mietete der Verein schließlich auf dem Privatmarkt eine Zweizimmerwohnung. Kaltmiete: 1208 Mark. (Zum Vergleich: die schon erwähnte Sozialwohnung kostet nur 292,32 Mark im Monat.) Obendrein forden der Vermieter: Gerd und sein ebenfalls aidskranker Mitbewohner müssen sich den Nachbarn gegenüber als Dialysepatienten ausgeben.

München zeigt die Wohnmisere von Aids-Patienten in der ganzen Republik besonders kraß. Eine Mitschuld an der Situation trifft ausgerechnet das Bundesgesundheitsministerium, das seit 1987 in verschiedenen Städten eine Reihe von Bundesmodellprojekten ins Leben rief, deren Finanzierung über den Bund jetzt ausläuft. Zwölf Wohnprojekte wurden mit elf Millionen Mark bezuschußt. Darin enthalten sind 200 Stellen für Betreuer. Diese Stellen fallen alle Ende des Jahres weg, sofern sie nicht von Ländern und Gemeinden übernommen werden. Wie in Bayern weigern sich aber Landesregierungen und Kommunen: Man habe sie zu Beginn der Hilfsmaßnahmen nicht gefragt. Ende März teilte das Bundesgesundheitsministerium mit, man werde die einzelnen Projekte finanziell allenfalls noch bis zum Jahresende fördern, aber nur, wenn die Länder von 1992 an einspringen.