V. Münchhausen

Wer sich über Peter Merseburger außen, bleibt nicht im lauwarmen Einerseits/Andererseits stecken. „Seine stechenden Augen, die Attitüde des deutschen Gymnasiallehrers alten Typs hinter dem Katheder, der jesuitische Zug in seiner ihm leicht fallenden Kasuistik ...“ reichten der FAZ zur irreversiblen Ablehnung aus: „Er ist – beiläufig – gewiß kein Typ fürs Herz.“ Der Rheinische Merkur tadelte, daß „Merseburger ... mit Oberlehrer-Pathos und tiefdringendem Erzieher-Blick Moderation (zu deutsch: Mäßigung, Ausgleichung) mit Propaganda verwechselt“. Soweit die Stimmen unter der Haßkappe.

Immer aber hat Merseburger auch Bewunderer gehabt, und es scheint, daß im Lauf der Jahre ihre Fraktion die größere geworden ist. Ihre Entscheidung, dem Fernsehkorrespondenten und früheren Panorama-Moderatoren den diesjährigen Fritz-Sänger-Preis zu verleihen, begründete die Jury so: „Er hat den kritischen Fernseh-Journalismus in Deutschland entscheidend mitgeprägt.“ Nach der im vergangenen Jahr kurz, aber heftig geführten Debatte um diesen Preis, nein: um die Person seines Stifters war Merseburger hochwillkommen als heilsam unumstrittene Identifikationsfigur.

In seiner Laudatio verlängerte Ministerpräsident Manfred Stolpe das Lob in die Gegenwart und Zukunft: „Heute wünsche ich mir viele Merseburgers, die sich Gedanken darüber machen, wie Journalismus in einer Umbruchsituation kritisch, sachlich, ehrlich und doch ermutigend sein kann.“

Viele Merseburgers? Dieser Wunsch wäre vor zwanzig Jahren für einige Bonner Politiker und Parteifunktionäre ein veritabler Alptraum gewesen. So ist das mit solchem Lob: Im nachhinein gewinnt eine Arbeit jene verwirrende Qualität von leichthändiger Selbstverständlichkeit, die ursprünglich Blut, Schweiß und Tränen kostete und auch mitunter dem Scheitern näher war als dem Gelingen.

Verwunderlich ist also kaum, daß einer, über dessen Person so leidenschaftliche Fehden geführt worden sind, auf der Hut ist. Noch mehr auf der Hut, als Journalisten gewöhnlich sind, die lieber andere aushorchen, als selbst Gegenstand der Befragung zu sein. Merseburger, der seit 1987 für den NDR aus Großbritannien berichtet, empfängt in seinem Londoner Büro. In einigen Wochen, nach seinem 63. Geburtstag am 9. Mai, wird er es räumen und Berlin als Fixpunkt seines umtriebigen Un-Ruhestands einrichten.

Die längst verinnerlichte Kameraperspektive läßt ihn nie vergessen, wie aussagekräftig Details sein können. Er schätzt keine Unaufgeräumtheiten, die etwas über ihn verraten könnten, das er für sich behalten will. Einige unter seinen maßvoll überfüllten Schreibtisch gefallene Knüllpapiere werden sofort mit einer knappen Entschuldigung dorthin befördert, wo sie hingehören: in den Papierkorb.