Uns doch nicht! So etwas passiert immer nur den anderen. Wir können die Fragen schon nicht mehr hören: „Habt ihr die Tickets, was ist mit dem Geld, ist der Paß noch gültig?“ Als ob wir zum ersten Mal verreisen.

Montagfrüh um sechs Uhr soll es von Hamburg über Frankfurt nach Antigua in der Karibik gehen. Am Sonntag so gegen 18 Uhr: Dann wollen wir mal eben die letzten Sachen zusammenpacken. Viel braucht man ja nicht. Badehose und T-Shirts, Tickets, Schecks und Reiselektüre. Ach ja, und den Paß. Ein stolzer Blick über alte Stempel, die mich als weitgereisten Zeitgenossen ausweisen und auf dieses selten blöde Paßphoto, das mir schon seit ewigen Zeiten immer wieder entgegengrinst – apropos ewig: Laß doch mal sehen. „Dieser Paß wird ungültig am 22. Oktober 1990“. Wie? Das kann doch nicht sein! Neulich, vor ein paar Jahren, habe ich doch erst auf das Datum geschaut, und der Paß war noch endlos gültig. Jetzt ist er es ganz offensichtlich nicht mehr. Und außerdem ist es Sonntagabend, und in zwölf Stunden sollen wir schon reisen – was nun, was tun?

Da muß es doch am Frankfurter Flughafen eine Stelle geben, die eben mal den Paß verlängert? Ich bin doch wohl nicht der erste, dem solch ein Malheur passiert. „Ich verbinde mit dem Bundesgrenzschutz“, heißt es am Telephon, „denn der ist dafür zuständig.“

Brav schildere ich meine Nöte und bitte um Rat. „Nein“, bescheidet mich der Mann, „den Paß verlängern kann nur das zuständige Einwohnermeldeamt.“ Wenn dort morgen früh die Schalter öffnen, wollen wir aber schon längst auf dem Weg in die Sonne sein. „Wir könnten Ihnen nur einen ‚Reiseausweis als Paßersatz‘ ausstellen“, schlägt der Beamte dann vor, „mit dem Dokument dürfen Sie hier aus- und auch wieder einreisen.“ Wunderbar. Genau das will ich ja. „Allerdings muß die Fluggesellschaft da auch mitspielen“, merkt der Grenzschützer noch trocken an. Das wird ja wohl kaum ein Problem sein.

Ein schneller Anruf bei der Lufthansa in Hamburg: Nimmt der Kranich mich mit dem Paßersatz in die Luft? „Warum nicht?“ macht eine LH-Mitarbeiterin mir weiter Mut, will aber dann sicherheitshalber noch beim Chef nachfragen. Und der kommt mit der kalten Dusche: „Wir werden Sie definitiv nicht mitnehmen, da gibt es keine Chance.“ Der Karibikstaat Antigua und Barbuda gehöre nicht zu jenen Ländern, die das Ersatzdokument akzeptierten. Und wenn sich die Einreisebehörden dort querstellten, dann müßte die Lufthansa den gestrandeten Fluggast auf eigene Kosten zurückbefördern und zudem noch tausend US-Dollar Strafe zahlen. Alle Fluggesellschaften seien nämlich gehalten, vor der Beförderung die Ausweise und Reisedokumente zu überprüfen. Peng.

Aber so schnell gebe ich nicht auf. Rasch ins Auto gesprungen und selbst zum Flughafen gefahren. Dort läßt sich bestimmt alles besser klären. Es ist jetzt 20 Uhr. Ich trage einer Hosteß mein Anliegen vor, sie eilt zum diensthabenden Checkin-Chef und kommt bald freudestrahlend zurück: „Alles kein Problem, Sie können fliegen!“ Jetzt will ich wir es von dem zuständigen Herrn aber genau wissen. „Tja“, sagt dieser, „die Chancen stehen achtzig zu zwanzig, daß Sie durchkommen, ich würde es riskieren.“ – „Ich nicht“, widerspricht da ein Kollege, „wenn morgen beim Check-in so ein Korinthenzähler steht, dann kann es auch schiefgehen.“ Und in Antigua müßten zudem noch die Behörden überredet werden, sich mit dem Paßersatz zufriedenzugeben: „Das kann ins Auge gehen.“

Schon sehe ich mich fern der Heimat im feuchtheißen Auslieferungskerker schmachten, bis ich an Händen gefesselt drei Tage später ins nächste Lufthansa-Flugzeug verfrachtet werde.