Von Peter Siebenmorgen

Die Staatssicherheit hatte wieder einmal gute Arbeit geleistet: Als der Generalstaatsanwalt der DDR im Frühjahr 1990 ein ausgewähltes Pressepublikum durch Alexander Schalck-Golodkowskis Ostberliner Haus führte, waren die Räume nicht nur gut aufgeräumt, sondern auch besonders mediengerecht eingerichtet. Rund um die Sitzgruppe im Wohnzimmer waren feine Porzellanarbeiten aus Meißen plaziert, und an den Wänden gab es manches schöne Bild zu bestaunen. „Millionenwerte“ seien hier versammelt, ließ man die staunenden Reporter wissen, beispielsweise einige Bilder von Dali.

Sichtlich beeindruckt berichteten die Augenzeugen anschließend von den ungeheueren Reichtümern, die Honeckers Devisenjongleur gesammelt habe. Schalck, nicht nur Beschaffungstalent des SED-Staates, sondern auch Raffzahn in eigener Sache – das paßte so recht ins Bild. Kein Wunder also, wenn niemand merkte, daß die Besuchergruppe einer Täuschungsveranstaltung aufgesessen war. Denn tatsächlich hat die Wohnung Schalcks zuvor nie so ausgesehen – das sagen jedenfalls jene, die in früheren Tagen dort waren: Bundesminister, Kirchenmänner und Freunde des Hauses, wie sie später öffentlich vorgeführt wurde. Auch die als „echte“ Dalis ausgegebenen Gemälde erweisen sich bei näherer Betrachtung als Köder für Empörungsmeldungen: Tatsächlich handelt es sich nämlich um sogenannte „Original-Kopien“ von Schülern des Meisters zum Stückpreis von ungefähr 500 Mark.

Ein anderes Beispiel: Seitdem Schalck in der Nacht vom 2. bis zum 3. Dezember 1989 in den Westen flüchtete, halten sich hartnäckig Gerüchte von verschwundenen Millionenbeträgen. Eine besondere Rolle spielen dabei Gelder, die die KoKo-Firma Intrac-Handelsgesellschaft zu verwandeln hatte, eine Summe von ungefähr 200 Millionen D-Mark. Mit Fingerzeig auf Schalcks keineswegs bescheidenen Lebensumstände (Doppelhaushälfte in Rottach-Egern am Tegernsee) wurde immer wieder behauptet, Schalck habe diesen Betrag mit in den Westen genommen. Die Regierung Modrow steuerte ihren Teil dazu bei, dieses Gerücht weiter zu nähren.

Tatsächlich aber war diese Summe nie verschwunden, was vor allem den von Modrow bestellten Koko-Abwicklern bestens bekannt sein mußte. Die Intrac hatte den Betrag nämlich auf ausländischen Festgeldkonten angelegt, die erst am 31. Dezember 1989 verfügbar waren. Doch statt dieses im Ausland arbeitende Kapital anschließend dem DDR-Haushalt zur Verfügung zu stellen, wurde die Festgeldanlage auf Weisung von KoKo beziehungsweise der zur KoKo-Abwicklung gegründeten Berliner Handels und Finanzierungsgesellschaft mbH bis Ende 1990 verlängert. So konnten diese Intrac-Gelder erst am 31. Dezember 1990 überwiesen werden – zu Gunsten des Bonner Finanzministeriums.

Für Schalcks Verteidigung sind diese Episoden wichtig. Ansonsten wären sie aber nicht weiter bemerkenswert, wenn sie nicht in der Entlastungsstrategie alter SED-Funktionäre und Stasi-Seilschaften eine Rolle gespielt hätten. Die Unterlagen aus den Koffern von Alexander Schalck-Golodkowski und weitere schriftliche Zeugenaussagen, die der ZEIT vorliegen, drängen den Schluß auf, daß Schalck politisch beseitigt und als Sündenbock für die skandalösen Machenschaften des SED-Regimes unter Honecker aufgebaut werden sollte, um Schuld von jenen anderen abzulenken, die den letzten Versuch unternahmen, doch noch einen zweiten Staat in Deutschland aufrechtzuerhalten.

Angefangen hatte dieser Teil der Geschichte in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre. Aus unterschiedlichen Motiven wurden die Zweifel in der Staats- und Parteiführung an Honeckers Kurs immer größer. Die einen starrten gebannt nach Moskau und fragten sich, wie lange der Arbeiter- und Mauernstaat es sich noch leisten könne, die neue Politik des großen Bruders unter Michail Gorbatschow zu ignorieren. Neben den Moskauhörigen, die nicht aus dem sozialistischen Gleichschritt geraten wollten, gab es dabei auch jene, die für die neuen Projekte Glasnost und Perestrojka auch ideologisch aufgeschlossen waren.