Stadtrundfahrt für ein paar Pfennige: Mit der Linie 29 durch Buenos Aires

Von Carl D. Goerdeler

Sie sehen einem überdimensionalen Mops doch recht ähnlich, die Busse in Buenos Aires, mit ihrer bulligen, breiten Motorhaube, dieser chromblinkenden Schnauze, mit der sie die Fährte aufnehmen und die Passanten vom Pflaster fegen. Und unter ihrer Blechhaut schlägt ein starkes Dieselherz, das nicht totzukriegen ist.

Veintiocho! brummt der Fahrer. Was 28? 28 Millionen, 28 000 oder nur 28 Australes? Man weiß ja nie, in diesen inflationären Zeiten. Nein – 28 Hunderter, ungefähr 40 Pfennig, so stellt sich heraus, kostet das Vergnügen, mit der Linie 29 vom Stadtteil Boca bis zum Stadtteil Olivos, vom „Mund“ bis zu den „Oliven“, quer durch Buenos Aires zu fahren. Ein Spottpreis für rund vierzig Kilometer und zwei Stunden Stadtrundfahrt.

Jorge kommt mit seinem Bus gerade aus dem Depot. Linker Hand neben dem Lenkrad, das wegen seines Umfangs einem Schiffssteuerrad gleicht, hat er eine Art Besteckkasten geöffnet. Dort stapeln sich die Scheine: 500 Australes, 1000 Australes, 5000 Australes, 10 000 Australes. Die Banknoten über 50 000 und 100 000 bewahrt er in der Brusttasche auf, die 100-, 50- und 10-Australes-Münzen scheppern in einem Topf neben dem Fahrkartenspender. Jorge chauffiert nicht nur, er kassiert auch – und das meistens zur gleichen Zeit.

Wir steigen in Boca ein. Das Busdepot der Linie 29 liegt nur ein paar Ecken hinter den buntbemalten Wellblechhäusern. Man hat eine Gasse dieses alten Hafenviertels für die Touristen pittoresk herausgeputzt. Aber Boca gleicht einer geschminkten Leiche. Verwesungsdunst liegt über dem toten Arm des Riachuelo, in dem die Wracks der Kähne und Kutter versinken. Hier stand die Wiege des Tangos, hier pulsierte vor hundert Jahren das Leben. Boca, das war einmal die Reeperbahn, das Scheunenviertel und die Speicherstadt der jungen Metropole am Rio de la Plata. Zigtausend neapolitanische Arbeiter, andalusische Bauern, baskische Fischer, korsische Hirten und Schauerleute aus Marseille kamen hier durch. Ihre Spuren verlieren sich irgendwo in der Weite des Hinterlandes, im Ozean der Weizenfelder und Viehweiden, im Häusermeer der Stadt, die sich einmal das Paris der Neuen Welt nannte. Heute leben hier die Rentner, die nicht einmal mehr das Geld haben, ihre Wellblechbaracken mit frischer Farbe zu tünchen. Eingerahmt zwischen der großen Suppenschüssel des Fußballstadions der „Boca Juniors“, dem Stammverein von Diego Maradona, und den Türmen der Hebebrücke, wartet Boca auf bessere Zeiten.

Wo die Stadt gegründet wurde