/ Von Andreas Isenschmid

Die Insel ist heiß und karg, aber für Schriftsteller scheint sie fruchtbar zu sein. Allein in diesem Jahrhundert hat Sizilien Pirandello und Sciascia hervorgebracht. Und zwei wahrhaft bemerkenswerte schriftstellerische Spätberufungen: Tomasi Giuseppe, Fürst von Lampedusa, ging gegen Sechzig, als er den „Gattopardo“ verfaßte, seinen einzigen Roman, dessen postume Veröffentlichung ihn 1959 auf einen Schlag zu einem Autor der Weltliteratur machte. Und Gesualdo Bufalino war einundsechzig, als 1981 sein erster Roman erschien, der ihn auf Anhieb zu einem der Großen der italienischen Literatur machte.

„Das Pesthaus“ handelt von Bufalinos Zeit als Tb-Patient in einem Sanatorium und wurde von der Kritik sogleich als „sizilianischer Zauberberg“ bezeichnet. Der apollinischen Prosa Thomas Manns setzte Bufalino allerdings ein dionysisches Fest der Metaphern und Phantasien entgegen. Er schrieb über den Tod, aber in einem Stil überschießender Vitalität – der freilich zugleich äußerst kalkuliert und voller literarischer Anspielungen war.

Seit seinem schriftstellerischen Coming-out hat er fast im Jahresrhythmus publiziert. Gedichte, Erzählungen, Skizzen aus dem alten Sizilien, einen „Dizionario dei Personaggi“ – eine Art Geschichte des Romans anhand seiner Helden – und 1988 „Die Lügen der Nacht“, den Roman, der ihm den begehrtesten italienischen Literaturpreis eintrug, den Premio Strega. Bufalinos Karriere war steil, seine Beachtung alsbald auch international – doch der Autor spielt nicht mit.

Von der Schriftstellerrolle, auf die er sechzig Jahre lang verzichten konnte, möchte er am liebsten zurücktreten, hat er letztes Jahr erklärt. Die allseits gefragten Meinungen zu Politik und Gesellschaft gibt er nicht ab. Und der großen weiten Welt zieht er ohnehin das kleine, enge Comiso vor, seinen Geburtsort, den er nur für „kurze Reisen und Aufenthalte“ verläßt. „Kaum mehr als tausend Nächte“ will er außerhalb seines immer gleichen Bettes geschlafen haben. Er sei „seßhaft“ und führe „ein zurückgezogenes Austerndasein“.

Ein ganz und gar in Sizilien verwurzelter Autor also? Nichts weniger als das. In der sizilianischen Realität, über die er sehr zarte Sätze geschrieben hat, fühlt er sich nicht besonders verwurzelt. Comiso schützt ihn vor dem Lärm der Welt. Aber wenn die Sonne Comisos zu heiß wird, läßt er die Rolläden runter und schließt sich ein in der „pascalschen Einsamkeit“ seiner Bibliothek, „meiner wahren literarischen Heimat“. Denn Bufalino gehört zu jenen Menschen, die der durchaus nicht unvernünftigen Ansicht sind, daß das Leben fürs Lesen da sei. Und in der schattigen Ruhe seiner. Bibliothek tut er, was fast alle passionierten Leser tun, wenn die Pflichten der Gegenwart sie in Ruhe lassen: Er liest die guten Autoren, und das sind bekanntlich die toten.