Daß der Mensch „edel sei, hilfreich und gut“, so ganz im Allgemeinen, konstatiere ja leider kein Faktum, „sondern eine mehr denn je offene Forderung; gleichwohl mag er gelegentlich mitleidig noch fühlen, und namentlich der deutsche Mensch gilt, so wenig lieb er der Umwelt auch sein kann, vergleichsweise doch als tierlieb“ – Hans Wollschlägers fulminanter Essay „,Tiere sehen dich an‘ oder Das Potential Mengele“ (Haffmans TB 1049; Erstausgabe 1987; 15,– DM) entlarvt diese deutsche Tierliebe als sentimentalen Firnis über der bestialischen Roheit, mit der hierzulande Massentierhaltung und Tierversuche „im Dienst der Menschheit“ betrieben werden.

Vom Leiden der Tiere unter den Menschen berichtet auch der Kanadier Farley Mowat. Sein Buch „Der Untergang der Arche Noah“ (rororo 8276; deutsche Erstausgabe 1987; 14,80 DM) schildert die Ausrottung ganzer Arten an der nordamerikanischen Atlantikküste vom Anfang des 16. Jahrhunderts bis in die Gegenwart. Es ist aber auch ein Buch über den Menschen, über seine Verwandlung vom Jäger zum industriellen Killer. Ohne das Auftreten des Menschen wären etwa die Wale – sie bilden eine der komplexesten und dennoch stabilsten Lebensformen des Planeten – die die Meere beherrschenden Wesen geblieben. Petra Deimers „Das Buch der Wale“ (Heyne Sachbuch 105; Erstausgabe 1983; 16,80 DM) bietet einen Überblick über Entwicklung, Lebensweise und Artenvielfalt der Wale, die wie kaum ein anderes Lebewesen „die Phantasie der Menschen so beflügelt“ haben. Noch in den sechziger Jahren unseres Jahrhunderts „waren in einer Saison in der Antarktis allein 18 000 Menschen mit modernstem Fanggerät auf Waljagd. Sie töteten 46 000 Meeresriesen“ – das merkt Rolf Hochhuth in seinem aufschlußreichen Essay über den berühmtesten Wal der Literatur, „Melvilles Moby Dick“, an; erschienen ist der Text in Hochhuths Essaysammlung „Täter und Denker“ (rororo 8547; Erstausgabe 1987; 14,80 DM).

„Moby Dick“ ist das wohl bedeutendste Werk der Weltliteratur, in dem das Gewaltverhältnis zwischen Mensch und Tier thematisiert wird – das Liebesverhältnis zwischen Mensch und Tier hat sich literarisch vor allem immer wieder an Katzen entzündet. Die von Jutta Freund herausgegebenen „Katzengeschichten“ (Heyne TB 618; 9,80 DM) stehen unter einem Motto Rilkes: „Das Leben und dazu eine Katze, das gibt eine unglaubliche Summe, ich schwör’s euch!“

In Peter Rühmkorfs wunderbarem, neuromantisch gefärbtem Märchen „Auf Wiedersehen in Kenilworth“ (Fischer TB 9333; Erstausgabe 1980; 9,80 DM) wird ein Mensch in einen Kater, eine Katze aber in ein Mädchen verwandelt, und „wer noch niemals in seinem Leben eine Katze war und sich von einem Tag auf den anderen in die Stadt Rom versetzt sieht, muß sich durchfragen“ – oder das Buch lesen, wenn er wissen will, wie’s dort zum unerwarteten Ende kommt. „Bartls Abenteuer“, ein Katzenroman Marlen Haushofers (dtv 11235; Erstausgabe 1964; 9,80 DM), steht wie alle literarischen Texte, die aus der Perspektive von Tieren erzählt werden, vor dem Problem, tierische Verhaltensmuster und tierische Wahrnehmung plausibel zu machen, ohne sie allzusehr zu vermenschlichen. Bei Marlen Haushofer scheint mir das, von einigen Niedlichkeiten abgesehen, gut gelungen. Wer hier Genaueres erfahren möchte, dem sei die Studie des amerikanischen Verhaltensforschers Donald R. Griffin empfohlen: „Wie Tiere denken. Ein Vorstoß ins Bewußtsein der Tiere“ (dtv 11182, deutsche Erstausgabe 1985; 12,80 DM).

Einer der überraschendsten Bucherfolge der letzten Jahre ist Akif Pirinccis Katzenkrimi „Felidae“ (Goldmann TB 9298; 9,80 DM). Obwohl der Autor umfassende Recherchen über das Verhalten von Katzen angestellt hat und weder die Intelligenz seiner Leser beleidigt noch das realistische Bild des Tieres um den Preis einer originellen Idee vergewaltigt, räumt Pirincci ein, seine Helden, die Katzen also, vermenschlicht zu haben: „Denn ich glaube nicht“, schrieb er mir, „daß wir Tiere, schon gar nicht Katzen, wirklich verstehen können. Selbst am Ende meiner Recherchen hatte ich kaum das Gefühl, daß ich diesem Fetisch-Tier irgendwie nähergekommen wäre. Im Gegenteil, diese unmoralischen Gangster des Tierreichs, die in einer abenteuerlichen Welt voller Sex und Gewalt leben, gaben mir noch mehr Rätsel auf. Ich glaube, wir können Tiere nur aus der menschlichen Perspektive begreifen, uns in sie nur mit unseren urmenschlichen Gefühlen hineinfühlen und sie künstlerisch verarbeiten mit unseren althergebrachten künstlerischen Mitteln. Ein Buch, das vorgibt, die tatsächliche Welt der Tiere darzustellen, ist eine Lüge.“

Ohne in Kitsch und diese Art von „Lüge“ abzustürzen, balanciert auch der englische Autor Nigel Hinton auf dem schmalen Grat zwischen Vermenschlichung und realistischer Verhaltensforschung: „Im Herzen des Tals“ (Fischer TB 8321, deutsche Erstausgabe 1988; 12,80 DM) schildert ein Jahr aus dem Leben einer Braunelle, eines unscheinbaren Vogels; eingebettet in die Geschichte von Menschen und anderen Tieren, ist dies ein eindrucksvolles Buch über die Komplexität des ökologischen Gleichgewichts.

Tiere als gleichsam parabolische Stichwortgeber haben in der Literatur Tradition; eine Tradition, die auch Günter Grass wiederholt genutzt hat: Im „Butt“ war es der schlaue Plattfisch, dessen Einflüsterungen die verzweigte Handlung zusammenhielt; im Roman „Die Rättin“ (rororo 12 200, Erstausgabe 1986; 9,80 DM) wird die Anpassungs- und Überlebenskünstlerin Ratte zum Symbol der gigantischen Endzeitvision des Autors.